Urbane Transformation. Das Gute Leben in der Stadt.

Bei der Konferenz „Querbeet Kiel 2017“ im Alten Mu Impuls-Werk geht es um die „Urbane Transformation. Das Gute Leben in der Stadt“. In meinem Vortrag habe ich mich zuerst auf den Begriff der „Transformation“ fokussiert, dann die Frage behandelt, warum gerade Städte und Quartiere geeignete Orte und wichtige Treiber der Transformation sein können. Schließlich ging es um die Frage, wie eine Transformation vor der eigenen Haustür stattfinden kann, wie wir selbst diese initiieren und vorantreiben können.

Hier der vollständige Text des Vortrags.

„Tag des guten Lebens“ erhält Deutschen Nachbarschaftspreis 2017

Nachbarschaft ist einer der wichtigen Pfeiler, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Die nebenan.de Stiftung rief in diesem Jahr erstmals den Deutschen Nachbarschaftspreis aus, um aktive Nachbarn und nachbarschaftliche Projekte auszuzeichnen, die sich für ein offenes, solidarisches und demokratisches Miteinander einsetzen.
In nur wenigen Wochen gingen bei der Stiftung über 1.300 Bewerbungen von gemeinnützigen Organisationen, Vereinen, Nachbarschaftsgruppen und -initiativen ein. Mit der Unterstützung einer achtköpfigen Expertenjury wurden nach der Auszeichnung auf Landesebene nun drei Bundespreisträger gekürt, die am 13. September 2017 offiziell auf einer Preisverleihung in Berlin geehrt wurden. Den ersten Preis, der mit 15.000 Euro dotiert ist, gewann das Bündnis Agora Köln mit ihrem Projekt „Tag des guten Lebens“.

Den zweiten Platz teilten sich gleich zwei Projekte:

  • Erster 2. Platz (7.000€): „Witzin macht Zukunft“ der Dörpschaft Witzin
  • Zweiter 2. Platz (7.000€): „Lebensmittel retten Magdeburg“ des Spielwagen e.V.

Auf der Preisverleihung wurde zudem das Engagement aller weiteren Landessieger geehrt, die jeweils ein Preisgeld von 2.000 Euro erhalten:

  • Baden-Württemberg: „Dorfladen Langenbeutingen“
  • Bayern: „Ein Teller Heimat“ im Münchener Westend
  • Berlin: „Baumscheibenfest“ aus dem Kunger-Kiez/ Treptow-Köpenick
  • Brandenburg: „Stadtteilnetzwerk e.V.“ für Potsdam-West
  • Bremen: „Ab geht die Lucie!“
  • Hamburg: „KULTURISTENHOCH2“
  • Hessen: „Stadtteilwohnzimmer“ aus dem Frankfurter Unterliederbach
  • Niedersachsen: „GÖ schafft’s“ aus dem Göttinger Stadtteil Leineberg
  • Rheinland-Pfalz: „Stadtteiltreff Gonsenheim“
  • Saarland: „Kulturschlüssel Saar“
  • Sachsen: „ANNALINDE“ Gemeinschaftsgarten in Leipzig
  • Schleswig-Holstein: „Bücherpiraten“ aus Lübeck
  • Thüringen: Tandemprogramm „NAHbarn“ in Jena

Von Spiekeroog nach Gräfrath

„Unsere Städte – wie können sie zu Stätten von Lebensqualität und Gerechtigkeit werden?“ Zu diesem Thema finden Ende September die (ersten) „Bergischen Klimagespräche“ statt, früher „Spiekerooger Klimagespräche“. Ich habe mich über die Einladung von Prof. Dr. Reinhard Pfriem gefreut, Teil des Vorbereitungsteams zu werden. Zu den 30 Experten, die drei Tage lang in einer fast intimen Atmosphäre diskutieren werden, gehören Vertreter aus Wissenschaft (Dirk Messner, Uwe Schneidewind…), Politik und Stadtverwaltung (Barbara Möhlendick…), Zivilgesellschaft (Harris C. M. Tiddens, Yvonne Johannsen…), Medien und Kultur (Anna Ditges…)…

Vertiefung:

 

Endlich ein Urbanist!

Die Urbanisten sind ein Dortmunder Kollektiv, bestehend aus Raumplaner/innen, Künstler/innen, Pädagogen, Umweltbildner/innen, Ingenieur/innen, Designer/innen & anderen Disziplinen. Nach der guten Zusammenarbeit des letzten Jahrs habe ich nun eine Mitgliedschaft beantragt und freue mich darüber, endlich ein „Urbanist“ zu sein. Wir teilen Ziele und vor allem eine ähnliche Philosophie. Seit 2010 verfolgt der gemeinnützige Verein die Vision einer Stadt, in der die Bewohner/innen ihren Lebensraum eigenverantwortlich mitgestalten und ihre individuellen Ressourcen zusammenschließen: lokal, kreativ und lebendig. Weitere Informationen: https://dieurbanisten.de

Buen Vivir und „Tag des guten Lebens“

2012 fand im Rahmen des Bündnisses „Agora Köln“ ein Wettbewerb statt. Der „Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit“ sollte umbenannt werden, die Mobilisierung der Bürger/innen benötigt eine inklusivere Sprache, so die Begründung. Ich schlug „Tag des guten Lebens“ vor, um diese Initiative mit der Buen Vivir-Debatte zu verbinden. Seit dem Studium der Entwicklungssoziologe in Bologna verfolgte ich diese Diskussion über alternative Wohlstandsmodelle in Lateinamerika, die durch die Theologie der Befreiung, die Dependencia-Theorien sowie die indigenen Kulturen inspiriert wird. Tatsächlich setzte sich „Tag des guten Lebens“ bei der Abstimmung der „Agora Köln“ durch.

Doch worum geht es beim „Buen Vivir“ genau? Alberto Acosta beantwortet nun diese Frage in einem Buch. Acosta, der Wirtschaft an der Universität zu Köln studiert hat, war als Präsident der verfassungsgebenden Versammlung Ecuadors maßgeblich an der Integration des „Buen Vivir“ in die Verfassung des Andenstaates beteiligt. Bis 2008 setzte er sich als Minister für Energie und Bergbau Ecuadors für den Schutz des Tropenwaldes gegen die Interessen der Ölindustrie ein.

In seinem Buch widmet er dem Kölner „Tag des guten Leben“ folgende Passage (S. 153f.):

„Auch die Tatsache, dass Köln einen „Tag des guten Lebens“ eingeführt hat, ist hier erwähnenswert. Der Oberbürgermeister Jürgen Roters beschrieb den Tag anlässlich des „Bonn-Symposium 2014 – Lokales Engagement für Entwicklung. Chancen einer Post-2015-Agenda“ am 27. November 2014 folgendermaßen:

Zum Kulturwandel in der Domstadt kann auch die Agora Köln beitragen, ein breites und buntes Bündnis … Dieses Bündnis hat in diesem Jahr zum zweiten Mal den ‚Tag des guten Lebens‘ veranstaltet und damit das Konzept des ‚Buen Vivir‘ aufgegriffen, das, aus Lateinamerika stammend, auf der ganzen Welt rezipiert wird. An diesem ‚Tag des guten Lebens‘ wurde in einem Kölner Stadtteil 1 km² großes Gebiet für den motorisierten Verkehr gesperrt, und die Bürgerinnen und Bürger haben den entstandenen Freiraum genutzt, um ihre Vorstellungen von Nachhaltigkeit, alternativem Leben und Gerechtigkeit darzustellen und umzusetzen. Vorausgegangen war ein monatelanger Prozess, in dem sich die Anwohner mit der Frage auseinandergesetzt haben: ‚In welcher Stadt wollen wir leben?‘

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Hier weitere Informationen zum Buch von Alberto Acosta.

Erste Rezension zum Buch „Urbane Transformation“

Die Kölnerin freie Autorin Christina Trees hat gerade zwei Bücher im Oya-Magazin besprochen:

  • »Urbane Transformation – Zum guten Leben in der eigenen Stadt: Nachhaltiges Modellprojekt: Der ’Tag des guten Lebens’ in Köln« (Reihe: Politik in sozialer und ökologischer Verantwortung)
    Die Urbanisten e.V. (Hrsg.), Davide Brocchi (Autor)
    VAS Verlag für Akademische Schriften, Bad Homburg, 2016, 168 Seiten
    ISBN 978-3888645495
    14,00 Euro

und

  • »Ohne Auto leben – Handbuch für den Verkehrsalltag«
    Bernhard Knierim
    Promedia-Verlag, Wien, 2016, 176 Seiten
    ISBN 978-3853714133
    14,90 Euro

Hier der vollständige Text ihrer Doppelrezension.

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»Ohne Auto leben« von Bernhard Knierim setzt den Autofreigedanken, der sonst oft nur als einer unter vielen Aspekten zur Veränderung Erwähnung findet, in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Er beschreibt zunächst, wie und warum die »Autogesellschaft« entstand und warum es Sinn macht, über ein Leben ohne Auto nachzudenken. Im Mittelteil des Buchs beschreibt er detailliert die Möglichkeiten und Alternativen, um diese Absicht als Individuum umsetzen zu können. Hier lässt er weder altbekannte Weisheiten über frische Luft und Bewegung aus noch kleinste Tipps wie Ersatzkleidung bei Regen, er erklärt unterschiedlichste Transportanhänger und Car-Sharing ebenso wie das grundsätzliche Konsumverhalten durch Unterstützung regionaler Produkte. Im letzten Teil des Buchs schließlich bettet er die individuellen Optionen ein in einen Rahmen politischer Veränderungserfordernisse und bezieht sich auf Postwachstumsökonomie, direkte/indirekte Subventionen, Maßnahmen, die alternative Mobilität attraktiver oder die umweltschädliche Variante Auto unattraktiver gestalten könnten u.ä.
Für mich persönlich ist die Idee des Lebens ohne Auto seit Jahren selbstverständlich und gelebte Alltagswirklichkeit – wozu brauche ich in der Stadt ein Auto, wenn ich doch leicht Fahrrad und Bahn nutzen kann? So einfach macht es sich Knierim nicht und so ist hier weder ein erhobener Zeigefinger auffindbar noch irgendeine Form von Polarisierung oder Überheblichkeit gegenüber unbewusstem Verhalten und Autobesitzern. Knierim unterstützt vielmehr dabei, den Horizont derjenigen zu erweitern, für die Autofreiheit undenkbar oder schwer umsetzbar scheint und zeigt Lösungsmöglichkeiten für alle Details auf.

Davide Brocchis »Urbane Transformation – Zum guten Leben in der eigenen Stadt« geht viel weiter. Der Autor, Initiator vom »Tag des guten Lebens: Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit in Köln«, bleibt nicht bei einer verkehrspolitischen Veränderungsvision stehen, auch wenn sicher insbesondere die Autofreiheit in manchem Kopf als eines der wesentlichen Kennzeichen des Tag des guten Lebens abgespeichert ist. Wer selbst dabei war, weiß, dass dies nur ein Merkmal unter vielen war und autofreie Zonen und Tage lediglich Hilfsmittel – wenn auch sehr kraftvolle! – sein können, um eine passende Grundlage für ein sozialeres Miteinander im urbanen Lebensalltag zu schaffen.
Im Artikel »Wer sind meine Nachbarn?« der Oya-Ausgabe 27/2014 hatte ich über den »Tag des guten Lebens« sowie über dessen Impulse und Auswirkungen auf Nachbarschaft und Alltag berichtet.

Davide Brocchi beschreibt in seinem Buch auf ansteckende Art seine ganz persönlichen Motive, sich für eine urbane Transformation einzusetzen. Berührend ist hier die beispielhafte Geschichte von Brocchis familiärem Ursprung – seinen italienischen Eltern und Großeltern mit Träumen und Enttäuschungen zu Nachbarschaft und Land- oder Stadtleben.
Teil seiner Ausführungen ist ebenso die Auseinandersetzung mit dem, was durch das Realexperiment »Tag des guten Lebens« gelungen ist und wo Herausforderungen im Prozess nur teilweise gemeistert werden konnten. Er beschreibt Ziele wie die Resilienzstärkung einer Stadt in Krisen und ein »gutes Leben«, in dem der Mensch im Mittelpunkt steht und direkte Mitgestaltung des Lebensumfelds durch jeden Bewohner tatsächlich umsetzbar ist.
Brocchi beschreibt detailliert und oft sachlich, vielleicht manchmal auch ein wenig »akademisch« – doch gerade dadurch bin ich fasziniert beim Lesen, wie er mich trotzdem packt und wie oft zwischen den Zeilen genau die Begeisterung, die Haltung, die unbeirrt ans innere und äußere Wachstum des Menschen glaubt, zu spüren ist und überspringt. Er will real verändern, bleibt dabei eben nicht pauschal und oberflächlich, und so finden sowohl Logistik, Geld, Kultur und Konflikte in Nachbarschaft als auch Themen wie Gruppendynamik, Medien und Stadtpolitik in offener und differenzierter Betrachtung ihren Platz. Genau so wird klar, was zu berücksichtigen ist, will man seinen persönlichen Beitrag ausdehnen und Teil einer Veränderung sein, die Visionen von z.B. autofreien Entschleunigungstagen auch in anderen Städten, selbstverwalteten Plätzen, Straßenpatenschaften für Flüchtlinge, die Einführung einer Regionalwährung u.ä. auf die Erde zu bringen vermag.
Sowohl Knierims »Ohne Auto leben« als auch Brocchis »Urbane Transformation« bieten sich als Beitrag zu einer realistischen Kraft der Veränderung im städtischen Raum an – und schaffen es dabei auch, sanft unterschiedliche Bedürfnisse und Motive zusammenzuführen. Danke dafür!

Christina Trees, 02/2017

Das Buch zum „Tag des guten Leben“ am 18. Juni in Köln-Deutz

Am Sonntag, der 18. Juni 2017, findet der „Tag des guten Lebens: Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit“ in Köln-Deutz statt. Mit den Urbanisten e.V. werde ich das Buch zum Tag vorstellen: „Urbane Transformation. Zum guten Leben in der eigenen Stadt. Nachhaltiges Modellprojekt: Tag des guten Lebens in Köln.“ Der Stand befindet sich auf der Höhe der Adresse Kasemattenstraße 8.

Die Transformation beginnt im Lokalen

Am 4. Mai 2017 wurde das Buch „Urbane Transformation. Zum guten Leben in der eigenen Stadt“ vor ca. 50 Personen in der Kölner ecosign/Akademie für Gestaltung vorgestellt. Gastgeber des Abends waren die ecosign-Direktorin Karin-Simone Fuhs sowie die Vorsitzende der Urbanisten e.V. Yvonne Johannsen. Hier die ersten Passagen aus meinem Vortrag.

„Die Auszeichnung des Konzeptes ‚Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit‘ zeigte mir 2011, dass diese Idee einen Nerv getroffen haben musste – und das hat mich motiviert, weiterzumachen. Ich bin nun selbst erstaunt, wie viel eine bloße Idee in einer relativ kurzen Zeit noch bewegen kann. Das macht Hoffnung!

Die ‚Große Transformation‘ braucht nicht unbedingt große Pläne und viel Kapital, um starten zu können. Die Geschichte des Tags des guten Lebens macht deutlich, dass sie manchmal unabsichtlich, als Zufall beginnen kann. Es ist nicht immer der große Wurf, der größtes hervorbringt, manchmal ist etwas kleines. Jeder von uns kann mit einem kleinen Schritt eine Kettenreaktion auslösen oder dazu beitragen. Die Chaos-Theorie hat sich auch bei diesem Projekt bestätigt.

Und nun zum Buch… Der Titel ist ‚Urbane Transformation‘, die Transformation der Stadt… Was ist hier mit ‚Transformation‘ gemeint?
Ich beschäftige mich seit ein paar Jahrzehnten mit Nachhaltigkeit. Eigentlich wissen wir heute sehr viel über die Probleme und mindestens genauso viel über die Lösungsansätze, die hier und da schon längst erfolgreich praktiziert werden. Worüber wir noch sehr wenig wissen, ist wie wir von den Problemen zu den Lösungen kommen – und das ist eben die Frage der Transformation. Diese Frage ist in den letzten Jahren in den Mittelpunkt der Nachhaltigkeitsdebatte gerückt. Die Tatsache, dass unsere Gesellschaft bei den wesentlichen Indikatoren weiter in die falsche Richtung zusteuert, ist der größte Beweis, dass uns an Transformationswissen fehlt. Dieses Buch will einen kleinen Beitrag liefern, um diese Lücke zu schließen.

Wir sprechen hier nicht über einzelne Korrekturen oder neue Managementaufgaben, sondern über einen radikalen Systemwandel. Die Frage ist nicht, ob wir diesen radikalen Wandel wollen, denn er wird sowieso stattfinden, schon im Laufe unseres Lebens, wir sind wahrscheinlich schon Mittendrin. Die einzige Frage ist, wie er stattfinden wird: by Design or by Desaster. Nur ein Beispiel, werden wir die CO2-Emissionen bis 2050 um 80-90 Prozent reduzieren (das fordert die Wissenschaftsgemeinschaft von den Industrieländern, um unter den 2 Grad Erderwärmung zu bleiben) – oder werden wir weiter wie bisher machen und einfach auf die Klimakatastrophe reagieren?

Natürlich bevorzugt das Buch die erste Option, eine Transformation, die von uns selbst gestaltet wird, um katastrophale und autoritäre Entwicklungen zu vermeiden.
• Für diesen Wandel gibt es keine Patentrezepte.
• Deshalb müssen wir ihn als Lernprozess verstehen, der durch ‚urbane Realexperimente‘ und durch ‚urbane Reallabors‘ vorangetrieben werden kann. Man muss die Transformation im realen Kontext ausprobieren, zum Beispiel in den Quartieren, um zu wissen, wie sie gehen kann. Man kann auch aus dem Scheitern viel lernen.
• Die wichtigste Erkenntnisquelle für die Transformation ist die Praxis. Transformation lernt man nicht, indem man in der Universität sitzt und Literaturrecherche übt. Man muss in die Realität gehen, sich einmischen, sich selbst ins Spiel bringen, selbst bewegen. Es ist nicht ein passiver teilnehmender Beobachter, der dieses Buch geschrieben hat, sondern ein aktiver Co-Designer.

Im Buch habe ich versucht, ein urbanes Realexperiment wie der Tag des guten Lebens als Lernprozess zu reflektieren und Lehren festzuhalten, um sie weiterzugeben. Gerade für mich als Initiator und Projektentwickler war diese Erfahrung besonders intensiv – und ich habe sie vier Jahre lang gemacht.
16 Experten aus Politik, Stadtverwaltung, Agora Köln und Anwohnerschaft wurden für das Buch interviewt und werden ausführlich zitiert.

Was hat mich bewegt, dieses Konzept zu verfassen?

Zuerst die Finanzkrise von 2007/2008, sie war ein einschneidendes Ereignis. Damit ist der Glaube an die Zukunftsfähigkeit der neoliberalen Globalisierung sowie unseres Wirtschafts- und Lebensmodells verloren gegangen, das Interesse für Alternativen ist gestiegen. Die Finanzkrise ist das Ergebnis und das Symbol einer breiten Vertrauenskrise in unserer Gesellschaft.
Wir befinden uns heute in einer ähnlichen Phase, wie jene, die die große Finanzkrise von 1929 folgte – und diese Ähnlichkeit ist natürlich besorgniserregend. Ein steigendes Misstrauen führt zu einer Spaltung der Weltgesellschaft, Polarisierungen und Konflikte nehmen zu, sowie autoritäre Entwicklungen, Fremdenhass… Mauern werden errichtet, Priorität haben in der Politik die Sicherheit und die Verteidigung.
Was ist die Alternative? Dass wir Vertrauen wieder aufbauen. Wenn wir die Demokratie und die Ökonomie neu gründen wollen, dann müssen wir uns fragen, wo Vertrauen entstehen und gefördert werden kann. Und die Antwort ist: Im Lokalen, dort wo sich Menschen im Alltag physisch begegnen und begegnen können. Das Fundament einer nachhaltigen Demokratie und Ökonomie ist Vertrauen, deshalb müssen Demokratie und Markt heute im Lokalen neu gegründet werden. Die virtuellen ’social communities‘ reichen dafür nicht aus, sie können reale Räume der sozialen Interaktion nicht ersetzen.

Welche sind die Vorteile eines Handelns im Lokalen/Quartier?
• Überschaubare Räume werden dem ‚menschlichem Maß‘ gerecht, anders als die Globalisierung. Während die meisten Menschen die Welt oder den Staat als ‚weit weg‘ empfinden, ermöglicht die räumliche Nähe eine Sinnlichkeit bei Beziehungen und Erfahrungen, dadurch eine höhere emotionale Identifikation mit der eigenen Stadt oder mit dem eigenen Stadtteil. Und ’nur wer emotional motiviert ist, kann wirklich etwas verändern‘, schreibt Harry Tiddens.
• Der Bürger ist auf übergeordneten Raumebenen auf ‚Fachexperten‘ angewiesen, im Lokalen ist er jedoch selbst der Experte.
• Die räumliche Nähe erleichtert die soziale Interaktion – und dadurch das kollektive Handeln, zum Beispiel die Bildung von Kooperationsringen und Bürgerinitiativen.
• Ergebnisse des Handelns sind unmittelbar erfahrbar.
• Ökonomie der kurzen Wege, bei der sich Produzenten und Konsumenten oder Kreditgeber und Kreditnehmer persönlich kennen.

Ein weiteres Ereignis, das mich bei der Verfassung des Konzeptes bewegt hat, war das Scheitern der Klimaschutzverhandlungen in Kopenhagen 2009. Auch mit dem Agenda 21-Prozess oder mit den Millenniumszielen sind wir nicht wirklich weit gekommen. Bei diesen Vorhaben wurde es versucht, Nachhaltigkeit von oben nach unten umzusetzen – ich denke jedoch, dass eine gesellschaftliche Steuerung von oben nach unten, eine top-down-Strategie, eher Teil des Problems als der Lösung ist. Der Tag des guten Lebens entspricht eher einer bottom-up-Strategie. Die Transformation, die unten beginnt, vor jeder Haustür. Es ist eine Strategie der Selbstermächtigung der Bürger….“

Foto: Manfred Kreische

Urbane Transformation

Angesichts des vierten „Tags des guten Lebens“ am 18. Juni 2017 in Köln (nun im Stadtteil Deutz), findet eine öffentliche Buchvorstellung statt. In der ecosign/Akademie für Gestaltung wurde im September 2012 das breite Bündnis Agora Köln (www.agorakoeln.de) gegründet, das seit 2013 den „Tag des guten Lebens“ einmal jährlich veranstaltet.

Thema der Veranstaltung
An jedem „Tag des guten Leben“ haben seit 2013 zwischen 60.000 und 100.000 Menschen in Köln teilgenommen. Inzwischen interessieren sich andere Städte in Deutschland für das Modellprojekt, das eine schrittweise Transformation der Stadt in Richtung Nachhaltigkeit sowie den nachbarschaftlichen Zusammenhalt und die Bürgerbeteiligung in den Stadtteilen fördert. Welcher Ansatz steckt hinter dieser Initiative? Welche Geschichte führte zu ihrem Erfolg? Wie haben die Nachbarschaften in Ehrenfeld und in Sülz diesen Tag erlebt? Wo steht der Prozess heute und was ist in Deutz 2017 geplant? Wie hat diese Initiative die Stadt verändert? Wie geht es weiter?

Referenten
– Yvonne Johannsen (Die Urbanisten, Dortmund)
– Davide Brocchi (Autor, Initiator)
– Thomas Schmeckpeper (Tag des guten Lebens 2017)
– Olga Moldaver (Agora Köln, Nachbarschaftskoordinatorin Deutz für den Tag des guten Leben)
– Marcus Klein (Nachbarschaft Sülz)

Informationen zum Buch

Davide Brocchi
Urbane Transformation – Zum guten Leben in der eigenen Stadt.
Bad Homburg: VAS-Verlag, 2017.
164 Seiten, 14 Euro.
Vorwort von Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts.
Herausgeber: Die Urbanisten e. V., Dortmund.
Projektförderung: Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW.

Zusammenfassung
Wie können Demokratie und sozialer Zusammenhalt, Zeit- und Raumwohlstand und nicht zuletzt Umweltschutz in unseren Städten gefördert werden? Wie lässt sich urbane Resilienz in einer Zeit der „multiplen Krise“ stärken? Wie können Bürger/innen die eigene Stadt lebenswerter machen und die Regie über Ihr nächstes Lebensumfeld zurückgewinnen?
Das Buch beschreibt Konzepte und konkrete Strategien für einen nachhaltigen Städtewandel und reflektiert die Spannungsfelder einer urbanen Transformation. Es kann sich dabei auf die Erfahrungen aus einem groß angelegten Realexperiment in Köln stützen: Seit 2013 findet dort jährlich der „Tag des guten Lebens“ statt. Ermöglicht durch eine unkonventionelle Allianz von Zivilgesellschaft, Institutionen und Anwohnern dient die Initiative als transformativer Taktgeber und Katalysator in einem komplexen Prozess, der die Stadt zum Gemeingut werden lässt. Das Buch beschreibt, wie Vertrauen und Kooperation in der Nachbarschaft gefördert und Schritte hin zu einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung eingeleitet werden.

Vorreiterrolle für die Kultur

„Gerade den Kulturbereich sieht Brocchi als den idealen Raum für eine gesellschaftliche Reflexion von unten, woraus sich kreative Prozesse entfalten können. Es gehe darum, Bürger/-innen wieder zu ermächtigen, eigene Konzepte des guten Lebens zu entwerfen und gemeinsam umzusetzen. Im Sinne einer gelebten Demokratie brauche es mehr selbstverwaltete Freiräume, auch um den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Künstler/-innen könnten als Katalysatoren sozialer Interaktion wirken und neue Möglichkeitsräume öffnen. Wichtig sei, dass die Politik dem Verlust dieser Räume entgegensteuere.“ SOZIOkultur 1/2017, Zeitschrift der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V..

  • Vollständiger Artikel hier