„Tag des guten Lebens“ auch in Berlin, Kiel, Bonn und Dresden?

In den letzten Monaten wurde ich in verschiedene Städte eingeladen, den Transformationsansatz hinter dem „Tag des guten Lebens“ vorzustellen und über die Lehren aus dem Kölner Realexperiment zu berichten. In Kiel fand nach dem Workshop „Tag des Guten Lebens“ am 15. September (mit Dana Giesecke, Stiftung futurzwei) ein erstes Nachtreffen mit insgesamt 30 Teilnehmern statt, das weitere Treffen folgt Ende November. In Bonn und im Berlin-Wedding gibt es erste Bestrebungen, einen solchen Tag zu organisieren, nach einem Vortrag am 8. November im Leibnitz-Instituts für ökologische Raumentwicklung wird das Thema nun auch in Dresden diskutiert.

Neuer Auftrag zum Thema „partizipative Quartiersentwicklung“

Unsere Demokratie steckt offensichtlich in einer Krise und muss von unten gestärkt oder gar neugegründet werden. Deshalb freue ich mich, eine Expertise zum Thema „partizipative Quartiersentwicklung“ in den nächsten Monaten verfassen zu dürfen, im Auftrag des Forschungsinstituts für gesellschaftliche Weiterentwicklung NRW (FGW). Das Dokument wird 2018 veröffentlicht.
Das FGW ist an der Schnittstelle von Politik, Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit verortet. Sein übergeordnetes Ziel ist es, gesellschaftliche Weiterentwicklungen im Sinne einer sozial integrierten Gesellschaft zu fördern, in der die basalen Grundwerte von Fairness, Gerechtigkeit und Solidarität realisiert werden. In seiner Forschung konzentriert sich das FGW auf vier sozialpolitische und ökonomische Themenbereiche. Die zu erstellende Expertise ist dem Themenbereich „Integrierende Stadtentwicklung“ zugeordnet und wird 2018 veröffentlicht.

 


Bildquelle: FGW

„Tag des guten Lebens“ erhält Deutschen Nachbarschaftspreis 2017

Nachbarschaft ist einer der wichtigen Pfeiler, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Die nebenan.de Stiftung rief in diesem Jahr erstmals den Deutschen Nachbarschaftspreis aus, um aktive Nachbarn und nachbarschaftliche Projekte auszuzeichnen, die sich für ein offenes, solidarisches und demokratisches Miteinander einsetzen.
In nur wenigen Wochen gingen bei der Stiftung über 1.300 Bewerbungen von gemeinnützigen Organisationen, Vereinen, Nachbarschaftsgruppen und -initiativen ein. Mit der Unterstützung einer achtköpfigen Expertenjury wurden nach der Auszeichnung auf Landesebene nun drei Bundespreisträger gekürt, die am 13. September 2017 offiziell auf einer Preisverleihung in Berlin geehrt wurden. Den ersten Preis, der mit 15.000 Euro dotiert ist, gewann das Bündnis Agora Köln mit ihrem Projekt „Tag des guten Lebens“.

Den zweiten Platz teilten sich gleich zwei Projekte:

  • Erster 2. Platz (7.000€): „Witzin macht Zukunft“ der Dörpschaft Witzin
  • Zweiter 2. Platz (7.000€): „Lebensmittel retten Magdeburg“ des Spielwagen e.V.

Auf der Preisverleihung wurde zudem das Engagement aller weiteren Landessieger geehrt, die jeweils ein Preisgeld von 2.000 Euro erhalten:

  • Baden-Württemberg: „Dorfladen Langenbeutingen“
  • Bayern: „Ein Teller Heimat“ im Münchener Westend
  • Berlin: „Baumscheibenfest“ aus dem Kunger-Kiez/ Treptow-Köpenick
  • Brandenburg: „Stadtteilnetzwerk e.V.“ für Potsdam-West
  • Bremen: „Ab geht die Lucie!“
  • Hamburg: „KULTURISTENHOCH2“
  • Hessen: „Stadtteilwohnzimmer“ aus dem Frankfurter Unterliederbach
  • Niedersachsen: „GÖ schafft’s“ aus dem Göttinger Stadtteil Leineberg
  • Rheinland-Pfalz: „Stadtteiltreff Gonsenheim“
  • Saarland: „Kulturschlüssel Saar“
  • Sachsen: „ANNALINDE“ Gemeinschaftsgarten in Leipzig
  • Schleswig-Holstein: „Bücherpiraten“ aus Lübeck
  • Thüringen: Tandemprogramm „NAHbarn“ in Jena

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  • Dankesbrief der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker an die Agora Köln

Endlich ein Urbanist!

Die Urbanisten sind ein Dortmunder Kollektiv, bestehend aus Raumplaner/innen, Künstler/innen, Pädagogen, Umweltbildner/innen, Ingenieur/innen, Designer/innen & anderen Disziplinen. Nach der guten Zusammenarbeit des letzten Jahrs habe ich nun eine Mitgliedschaft beantragt und freue mich darüber, endlich ein „Urbanist“ zu sein. Wir teilen Ziele und vor allem eine ähnliche Philosophie. Seit 2010 verfolgt der gemeinnützige Verein die Vision einer Stadt, in der die Bewohner/innen ihren Lebensraum eigenverantwortlich mitgestalten und ihre individuellen Ressourcen zusammenschließen: lokal, kreativ und lebendig. Weitere Informationen: https://dieurbanisten.de

Buen Vivir und „Tag des guten Lebens“

2012 fand im Rahmen des Bündnisses „Agora Köln“ ein Wettbewerb statt. Der „Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit“ sollte umbenannt werden, die Mobilisierung der Bürger/innen benötigt eine inklusivere Sprache, so die Begründung. Ich schlug „Tag des guten Lebens“ vor, um diese Initiative mit der Buen Vivir-Debatte zu verbinden. Seit dem Studium der Entwicklungssoziologe in Bologna verfolgte ich diese Diskussion über alternative Wohlstandsmodelle in Lateinamerika, die durch die Theologie der Befreiung, die Dependencia-Theorien sowie die indigenen Kulturen inspiriert wird. Tatsächlich setzte sich „Tag des guten Lebens“ bei der Abstimmung der „Agora Köln“ durch.

Doch worum geht es beim „Buen Vivir“ genau? Alberto Acosta beantwortet nun diese Frage in einem Buch. Acosta, der Wirtschaft an der Universität zu Köln studiert hat, war als Präsident der verfassungsgebenden Versammlung Ecuadors maßgeblich an der Integration des „Buen Vivir“ in die Verfassung des Andenstaates beteiligt. Bis 2008 setzte er sich als Minister für Energie und Bergbau Ecuadors für den Schutz des Tropenwaldes gegen die Interessen der Ölindustrie ein.

In seinem Buch widmet er dem Kölner „Tag des guten Leben“ folgende Passage (S. 153f.):

„Auch die Tatsache, dass Köln einen „Tag des guten Lebens“ eingeführt hat, ist hier erwähnenswert. Der Oberbürgermeister Jürgen Roters beschrieb den Tag anlässlich des „Bonn-Symposium 2014 – Lokales Engagement für Entwicklung. Chancen einer Post-2015-Agenda“ am 27. November 2014 folgendermaßen:

Zum Kulturwandel in der Domstadt kann auch die Agora Köln beitragen, ein breites und buntes Bündnis … Dieses Bündnis hat in diesem Jahr zum zweiten Mal den ‚Tag des guten Lebens‘ veranstaltet und damit das Konzept des ‚Buen Vivir‘ aufgegriffen, das, aus Lateinamerika stammend, auf der ganzen Welt rezipiert wird. An diesem ‚Tag des guten Lebens‘ wurde in einem Kölner Stadtteil 1 km² großes Gebiet für den motorisierten Verkehr gesperrt, und die Bürgerinnen und Bürger haben den entstandenen Freiraum genutzt, um ihre Vorstellungen von Nachhaltigkeit, alternativem Leben und Gerechtigkeit darzustellen und umzusetzen. Vorausgegangen war ein monatelanger Prozess, in dem sich die Anwohner mit der Frage auseinandergesetzt haben: ‚In welcher Stadt wollen wir leben?‘

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Hier weitere Informationen zum Buch von Alberto Acosta.

Zur Errichtung eines Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit

Heute leben wir in einer Zeit der „multiplen Krise“ [Ulrich Brand]: Klimakrise, Finanzkrise, Krise der Demokratie, Flüchtlingskrise… Und das Konzept der Nachhaltigkeit ist ursprünglich ein „Kind der Krise“ [Günther Bachmann]. Nachhaltigkeit bedeutet zuerst die Kompetenz, Krisen handzuhaben, vorzubeugen oder erfolgreich zu überwinden – die Krisen als Chance zu nutzen. In diesem Sinne ist Nachhaltigkeit ein Synonym von Resilienz, das heißt von Krisenresistenz und Widerstandsfähigkeit.
Welche Rolle kann dabei die Ästhetik spielen? Der Begriff kommt aus dem altgriechischen aísthēsis, das „Wahrnehmung“, „Empfindung“ bedeutet. Der Philosoph Wolfgang Welsch setzt diesem Begriff jenen der „Anästhetik“ entgegen, der nicht zufällig wie Anästhesie klingt: Dabei wird die sinnliche Wahrnehmung abgeschaltet und die Empfindsamkeit gegenüber der Umwelt geht verloren, unter anderem um sich vor der Erfahrung des „Schmerzes“ zu schützen. Wir können Krisen als Ergebnis eines gesellschaftlichen „anästhetischen Zustandes“ verstehen: Wenn wir unsere ökologische, soziale und innere „Umwelt“ nicht mehr wahrnehmen, weil wir zum Beispiel wie Autisten an mathematischen Wirtschaftsmodellen und Dogmen wie Wirtschaftswachstum festhalten, an alten Überzeugen, Privilegien und Gewohnheiten, dann kommt es zur Krise. Nicht nur die freie Kunst, sondern auch eine freie kritische Presse und eine kritische Wissenschaft sind mit einem gesellschaftlichen Sinnenorgan vergleichbar. Sie helfen uns, den Kontakt zur „Wirklichkeit“ aufrechtzuerhalten und damit schwere Krisen vorzubeugen. Gerade in solchen Zeiten brauchen wir deshalb ein Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit: Um gesunde gesellschaftliche Sinnorgane zu fördern, die die sichtbare wie unsichtbare Mauern der Wohlstandsinseln durchlöchern und unsere Wahrnehmungshorizonten erweitern. Je breiter die Wahrnehmungshorizonten sind, desto nachhaltiger die Entscheidungen einer Gesellschaft.

© Davide Brocchi, 2017.

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Dieser Text gehört zu einer Reihe von zum Teil prominenten Stellungnahmen, die auf der Website der Kuratorin Adrienne Goehler (Initiatorin des Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit) veröffentlicht worden sind.

Kieler Impulse für eine nachhaltige Kulturpolitik

Auf Einladung des Ministeriums für Justiz, Kultur und Europa des Landes Schleswig-Holstein stellte ich am 19. Januar 2017 meine Thesen für eine „nachhaltigen Kulturpolitik“ bei der Konferenz „Kultur und Nachhaltigkeit“ in Kiel vor. Die Veranstaltung fand im „Impuls-Werk“ Alte Mu statt und wurde von der Landesministerin Anke Spoorendonk eröffnet. Anwesend waren ca. 180 Vertreter/innen von Kultureinrichtungen, Mitarbeiter/innen der Landesregierung, Kommunalpolitiker/innen, Kulturvermittler/innen und Künstler/innen.

Aus dem Vortrag:
„Die Kulturpolitik sollte sich […] als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstehen und den erweiterten Kulturbegriff entsprechend aufwerten, denn erst er macht die eigentliche Relevanz von Kultur bewusst. Kultur ist der Bauplan unserer Gesellschaft […]. Eine nachhaltige Kulturpolitik ist auch Kulturkritik: Sie hinterfragt Dogmen, Mythen und Vorurteile – und wirkt schon dadurch ästhetisch und anti-autistisch […]. Gemeinsam mit der Zivilgesellschaft können in den Künsten und in den Subkulturen Zukunftsoptionen entstehen, erprobt und weiterentwickelt werden – und aus dieser Perspektive sollten Projekte gefördert werden.

Deshalb sehe ich im Kulturbereich (Theater, Museen, Hochschulen…) den idealen Raum für eine gesellschaftliche Reflexion von unten – sprich mit Bürgerbeteiligung -, aus der sich kreative Prozesse entfalten können. Es geht darum, die Bürger/innen wieder zu ermächtigen, eigene Konzepte des guten Lebens zu entwerfen und gemeinsam umzusetzen – nach dem Prinzip: Jede Bürgerin und jeder Bürger kann ein Künstler sein. Wie sieht eine selbstgemachte Stadt aus?“

Der vollständige Text des Vortrags finden Sie hier.

Davide Brocchi Urbane Transformation
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Urbane Transformation

Wie können Demokratie und sozialer Zusammenhalt, Zeit- und Raumwohlstand und nicht zuletzt Umweltschutz in unseren Städten gefördert werden? Wie lässt sich urbane Resilienz in einer Zeit der „multiplen Krise“ stärken? Wie können Bürger/innen die eigene Stadt lebenswerter machen und die Regie über ihr unmittelbares Lebensumfeld zurückgewinnen?
Die Spannungsfelder einer urbanen Transformation reflektierend, entwickelt das Buch Konzepte und konkrete Strategien für einen nachhaltigen Städtewandel. Es stützt sich dabei auf die Erfahrungen aus einem groß angelegten Realexperiment in Köln: Seit 2013 findet dort jährlich der „Tag des guten Lebens“ statt. Ermöglicht durch eine unkonventionelle Allianz von Zivilgesellschaft, Institutionen und Anwohnern dient diese Initiative als transformativer Taktgeber und Katalysator in einem komplexen Prozess, der die Stadt zum Gemeingut werden lässt. Das Buch beschreibt, wie Vertrauen und Kooperation in der Nachbarschaft gefördert und Schritte hin zu einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung eingeleitet werden.
Flyer zum Buch

„Tag des guten Lebens“

Seit 2013 findet in der Domstadt einmal jährlich der „Tag des guten Lebens“ statt. Ermöglicht durch eine unkonventionelle Allianz zahlreicher privater und öffentlicher Akteure dient die Initiative als transformativer Taktgeber und Katalysator in einem komplexen Prozess, der die Stadt zum Gemeingut werden lässt.

www.tagdesgutenlebens.de

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Nachhaltigkeit als kulturelle Herausforderung

Vera Steinkellner hat beim Springer-Verlag den Band „CSR und Kultur“ herausgegeben, darin habe ich das zweite Kapitel verfasst: „Nachhaltigkeit als kulturelle Herausforderung“.
Heute heißt Verantwortung vor allem Nachhaltigkeit. Dieses Leitbild erfordert ein anderes Verständnis von Kultur. In diesem Kapitel wird Kultur als Wertesystem, als mentale „Landkarte“ (Alfred Korzybski) oder „software of the mind“ (Geert Hofstede) betrachtet. Kultur dient der Orientierung in der umweltbedingten Komplexität. Kultur ist die Sprache, die uns es ermöglicht, sich zu verständigen und unser Handeln miteinander abzustimmen. Ohne Kultur gäbe es keine soziale Kommunikation, also keine Gesellschaft. Kultur ist die Art und Weise, wie wir die Natur und den Menschen sehen, also wie wir damit umgehen. B ei Corporate Cultural Responsibility geht es nicht nur um den Austausch zwischen zwei getrennten Bereichen (Wirtschaft und Kultur), sondern zuerst um das Bewusstsein, dass die Wirtschaft, die Unternehmen, ihre Organisationsstruktur oder ihre Produkte selbst Kultur sind. Sie sollten als Ausdruck und Träger einer Kultur verstanden werden. Eine nachhaltige Wirtschaft setzt deshalb einen kulturellen Wandel voraus. Dies ist ein zentraler Aspekt der Corporate Cultural Responsibility im 21. Jahrhundert.

Den vollständige Text finden Sie hier.