Die Vielfalt als Chance

Am 22. November 2017 hat in Rendsburg die Tagung „Lebensfreude hat keine Hautfarbe“ stattgefunden, mit ca. 80 Teilnehmer/innen. Zu den Organisatoren zählen die LAG Soziokultur e.V., die Heinrich Böll Stiftung Schleswig-Holstein und der Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein e.V. (u.a.).

Während sehr viele nach Deutschland eingewanderte oder geflüchtete Menschen ihren eigenen Platz in unserer Gesellschaft suchen und sich hier verorten wollen, gerät die politische Leitidee „Inklusive Gesellschaft“ immer stärker unter Druck.
Menschen werden aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe stigmatisiert und diskriminiert, rechte Gewalt nimmt deutlich zu, offen ausländerfeindliche Politiker*innen haben Sitz und Stimme in unseren Parlamenten, demokratische Rechte und Freiheiten werden zunehmend eingeschränkt. Solidarität und Empathie haben im Alltag vieler Menschen nur noch einen geringen Stellenwert. Was kann künstlerisches und kulturelles Engagement dazu beitragen, diese gesellschaftliche Situation zu beleuchten und zu verändern? Was können Kunst und Kultur leisten, um eine offene Gesellschaft wieder als zentrales und breit getragenes Ziel zu verankern und sie mit Leben zu füllen?

Bei der Veranstaltung habe ich einen Impulsvortrag mit dem Titel „Die Vielfalt als Chance“ gehalten. Hier zum Text

Urbane Transformation. Das Gute Leben in der Stadt.

Bei der Konferenz „Querbeet Kiel 2017“ im Alten Mu Impuls-Werk geht es um die „Urbane Transformation. Das Gute Leben in der Stadt“. In meinem Vortrag habe ich mich zuerst auf den Begriff der „Transformation“ fokussiert, dann die Frage behandelt, warum gerade Städte und Quartiere geeignete Orte und wichtige Treiber der Transformation sein können. Schließlich ging es um die Frage, wie eine Transformation vor der eigenen Haustür stattfinden kann, wie wir selbst diese initiieren und vorantreiben können.

Hier der vollständige Text des Vortrags.

Die Transformation beginnt im Lokalen

Am 4. Mai 2017 wurde das Buch „Urbane Transformation. Zum guten Leben in der eigenen Stadt“ vor ca. 50 Personen in der Kölner ecosign/Akademie für Gestaltung vorgestellt. Gastgeber des Abends waren die ecosign-Direktorin Karin-Simone Fuhs sowie die Vorsitzende der Urbanisten e.V. Yvonne Johannsen. Hier die ersten Passagen aus meinem Vortrag.

„Die Auszeichnung des Konzeptes ‚Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit‘ zeigte mir 2011, dass diese Idee einen Nerv getroffen haben musste – und das hat mich motiviert, weiterzumachen. Ich bin nun selbst erstaunt, wie viel eine bloße Idee in einer relativ kurzen Zeit noch bewegen kann. Das macht Hoffnung!

Die ‚Große Transformation‘ braucht nicht unbedingt große Pläne und viel Kapital, um starten zu können. Die Geschichte des Tags des guten Lebens macht deutlich, dass sie manchmal unabsichtlich, als Zufall beginnen kann. Es ist nicht immer der große Wurf, der größtes hervorbringt, manchmal ist etwas kleines. Jeder von uns kann mit einem kleinen Schritt eine Kettenreaktion auslösen oder dazu beitragen. Die Chaos-Theorie hat sich auch bei diesem Projekt bestätigt.

Und nun zum Buch… Der Titel ist ‚Urbane Transformation‘, die Transformation der Stadt… Was ist hier mit ‚Transformation‘ gemeint?
Ich beschäftige mich seit ein paar Jahrzehnten mit Nachhaltigkeit. Eigentlich wissen wir heute sehr viel über die Probleme und mindestens genauso viel über die Lösungsansätze, die hier und da schon längst erfolgreich praktiziert werden. Worüber wir noch sehr wenig wissen, ist wie wir von den Problemen zu den Lösungen kommen – und das ist eben die Frage der Transformation. Diese Frage ist in den letzten Jahren in den Mittelpunkt der Nachhaltigkeitsdebatte gerückt. Die Tatsache, dass unsere Gesellschaft bei den wesentlichen Indikatoren weiter in die falsche Richtung zusteuert, ist der größte Beweis, dass uns an Transformationswissen fehlt. Dieses Buch will einen kleinen Beitrag liefern, um diese Lücke zu schließen.

Wir sprechen hier nicht über einzelne Korrekturen oder neue Managementaufgaben, sondern über einen radikalen Systemwandel. Die Frage ist nicht, ob wir diesen radikalen Wandel wollen, denn er wird sowieso stattfinden, schon im Laufe unseres Lebens, wir sind wahrscheinlich schon Mittendrin. Die einzige Frage ist, wie er stattfinden wird: by Design or by Desaster. Nur ein Beispiel, werden wir die CO2-Emissionen bis 2050 um 80-90 Prozent reduzieren (das fordert die Wissenschaftsgemeinschaft von den Industrieländern, um unter den 2 Grad Erderwärmung zu bleiben) – oder werden wir weiter wie bisher machen und einfach auf die Klimakatastrophe reagieren?

Natürlich bevorzugt das Buch die erste Option, eine Transformation, die von uns selbst gestaltet wird, um katastrophale und autoritäre Entwicklungen zu vermeiden.
• Für diesen Wandel gibt es keine Patentrezepte.
• Deshalb müssen wir ihn als Lernprozess verstehen, der durch ‚urbane Realexperimente‘ und durch ‚urbane Reallabors‘ vorangetrieben werden kann. Man muss die Transformation im realen Kontext ausprobieren, zum Beispiel in den Quartieren, um zu wissen, wie sie gehen kann. Man kann auch aus dem Scheitern viel lernen.
• Die wichtigste Erkenntnisquelle für die Transformation ist die Praxis. Transformation lernt man nicht, indem man in der Universität sitzt und Literaturrecherche übt. Man muss in die Realität gehen, sich einmischen, sich selbst ins Spiel bringen, selbst bewegen. Es ist nicht ein passiver teilnehmender Beobachter, der dieses Buch geschrieben hat, sondern ein aktiver Co-Designer.

Im Buch habe ich versucht, ein urbanes Realexperiment wie der Tag des guten Lebens als Lernprozess zu reflektieren und Lehren festzuhalten, um sie weiterzugeben. Gerade für mich als Initiator und Projektentwickler war diese Erfahrung besonders intensiv – und ich habe sie vier Jahre lang gemacht.
16 Experten aus Politik, Stadtverwaltung, Agora Köln und Anwohnerschaft wurden für das Buch interviewt und werden ausführlich zitiert.

Was hat mich bewegt, dieses Konzept zu verfassen?

Zuerst die Finanzkrise von 2007/2008, sie war ein einschneidendes Ereignis. Damit ist der Glaube an die Zukunftsfähigkeit der neoliberalen Globalisierung sowie unseres Wirtschafts- und Lebensmodells verloren gegangen, das Interesse für Alternativen ist gestiegen. Die Finanzkrise ist das Ergebnis und das Symbol einer breiten Vertrauenskrise in unserer Gesellschaft.
Wir befinden uns heute in einer ähnlichen Phase, wie jene, die die große Finanzkrise von 1929 folgte – und diese Ähnlichkeit ist natürlich besorgniserregend. Ein steigendes Misstrauen führt zu einer Spaltung der Weltgesellschaft, Polarisierungen und Konflikte nehmen zu, sowie autoritäre Entwicklungen, Fremdenhass… Mauern werden errichtet, Priorität haben in der Politik die Sicherheit und die Verteidigung.
Was ist die Alternative? Dass wir Vertrauen wieder aufbauen. Wenn wir die Demokratie und die Ökonomie neu gründen wollen, dann müssen wir uns fragen, wo Vertrauen entstehen und gefördert werden kann. Und die Antwort ist: Im Lokalen, dort wo sich Menschen im Alltag physisch begegnen und begegnen können. Das Fundament einer nachhaltigen Demokratie und Ökonomie ist Vertrauen, deshalb müssen Demokratie und Markt heute im Lokalen neu gegründet werden. Die virtuellen ’social communities‘ reichen dafür nicht aus, sie können reale Räume der sozialen Interaktion nicht ersetzen.

Welche sind die Vorteile eines Handelns im Lokalen/Quartier?
• Überschaubare Räume werden dem ‚menschlichem Maß‘ gerecht, anders als die Globalisierung. Während die meisten Menschen die Welt oder den Staat als ‚weit weg‘ empfinden, ermöglicht die räumliche Nähe eine Sinnlichkeit bei Beziehungen und Erfahrungen, dadurch eine höhere emotionale Identifikation mit der eigenen Stadt oder mit dem eigenen Stadtteil. Und ’nur wer emotional motiviert ist, kann wirklich etwas verändern‘, schreibt Harry Tiddens.
• Der Bürger ist auf übergeordneten Raumebenen auf ‚Fachexperten‘ angewiesen, im Lokalen ist er jedoch selbst der Experte.
• Die räumliche Nähe erleichtert die soziale Interaktion – und dadurch das kollektive Handeln, zum Beispiel die Bildung von Kooperationsringen und Bürgerinitiativen.
• Ergebnisse des Handelns sind unmittelbar erfahrbar.
• Ökonomie der kurzen Wege, bei der sich Produzenten und Konsumenten oder Kreditgeber und Kreditnehmer persönlich kennen.

Ein weiteres Ereignis, das mich bei der Verfassung des Konzeptes bewegt hat, war das Scheitern der Klimaschutzverhandlungen in Kopenhagen 2009. Auch mit dem Agenda 21-Prozess oder mit den Millenniumszielen sind wir nicht wirklich weit gekommen. Bei diesen Vorhaben wurde es versucht, Nachhaltigkeit von oben nach unten umzusetzen – ich denke jedoch, dass eine gesellschaftliche Steuerung von oben nach unten, eine top-down-Strategie, eher Teil des Problems als der Lösung ist. Der Tag des guten Lebens entspricht eher einer bottom-up-Strategie. Die Transformation, die unten beginnt, vor jeder Haustür. Es ist eine Strategie der Selbstermächtigung der Bürger….“

Foto: Manfred Kreische

Nachhaltige Kulturarbeit

Auf Einladung des Kulturbüros Rheinland-Pfalz der LAG habe ich am 16. März 2017 einen Impulsvortrag über „Kulturarbeit und Nachhaltigkeit“ im Historischen Museum Speyer gehalten. An der Veranstaltung nahmen 80 Vertreter/innen von soziokulturellen Zentren, Kultureinrichtungen und Kulturämtern sowie kulturinteressierte FSJler und ihre Betreuer teil. Im Vortrag wurden die Ursachen der aktuellen Lage der Kultur analysiert sowie Strategien empfohlen, um aus einer Position der Marginalisierung und Rechtfertigung herauszukommen. Kultureinrichtungen können zu wichtigen Treibern einer regionalisierten Gemeinwohlökonomie werden.

Vertiefung:

 

Bildquelle: Historisches Museum Speyer