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Neuer Auftrag zum Thema „partizipative Quartiersentwicklung“

Unsere Demokratie steckt offensichtlich in einer Krise und muss von unten gestärkt oder gar neugegründet werden. Deshalb freue ich mich, eine Expertise zum Thema „partizipative Quartiersentwicklung“ in den nächsten Monaten verfassen zu dürfen, im Auftrag des Forschungsinstituts für gesellschaftliche Weiterentwicklung NRW (FGW). Das Dokument wird 2018 veröffentlicht.
Das FGW ist an der Schnittstelle von Politik, Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit verortet. Sein übergeordnetes Ziel ist es, gesellschaftliche Weiterentwicklungen im Sinne einer sozial integrierten Gesellschaft zu fördern, in der die basalen Grundwerte von Fairness, Gerechtigkeit und Solidarität realisiert werden. In seiner Forschung konzentriert sich das FGW auf vier sozialpolitische und ökonomische Themenbereiche. Die zu erstellende Expertise ist dem Themenbereich „Integrierende Stadtentwicklung“ zugeordnet und wird 2018 veröffentlicht.

 


Bildquelle: FGW

Erste Rezension zum Buch „Urbane Transformation“

Die Kölnerin freie Autorin Christina Trees hat gerade zwei Bücher im Oya-Magazin besprochen:

  • »Urbane Transformation – Zum guten Leben in der eigenen Stadt: Nachhaltiges Modellprojekt: Der ’Tag des guten Lebens’ in Köln« (Reihe: Politik in sozialer und ökologischer Verantwortung)
    Die Urbanisten e.V. (Hrsg.), Davide Brocchi (Autor)
    VAS Verlag für Akademische Schriften, Bad Homburg, 2016, 168 Seiten
    ISBN 978-3888645495
    14,00 Euro

und

  • »Ohne Auto leben – Handbuch für den Verkehrsalltag«
    Bernhard Knierim
    Promedia-Verlag, Wien, 2016, 176 Seiten
    ISBN 978-3853714133
    14,90 Euro

Hier der vollständige Text ihrer Doppelrezension.

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»Ohne Auto leben« von Bernhard Knierim setzt den Autofreigedanken, der sonst oft nur als einer unter vielen Aspekten zur Veränderung Erwähnung findet, in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Er beschreibt zunächst, wie und warum die »Autogesellschaft« entstand und warum es Sinn macht, über ein Leben ohne Auto nachzudenken. Im Mittelteil des Buchs beschreibt er detailliert die Möglichkeiten und Alternativen, um diese Absicht als Individuum umsetzen zu können. Hier lässt er weder altbekannte Weisheiten über frische Luft und Bewegung aus noch kleinste Tipps wie Ersatzkleidung bei Regen, er erklärt unterschiedlichste Transportanhänger und Car-Sharing ebenso wie das grundsätzliche Konsumverhalten durch Unterstützung regionaler Produkte. Im letzten Teil des Buchs schließlich bettet er die individuellen Optionen ein in einen Rahmen politischer Veränderungserfordernisse und bezieht sich auf Postwachstumsökonomie, direkte/indirekte Subventionen, Maßnahmen, die alternative Mobilität attraktiver oder die umweltschädliche Variante Auto unattraktiver gestalten könnten u.ä.
Für mich persönlich ist die Idee des Lebens ohne Auto seit Jahren selbstverständlich und gelebte Alltagswirklichkeit – wozu brauche ich in der Stadt ein Auto, wenn ich doch leicht Fahrrad und Bahn nutzen kann? So einfach macht es sich Knierim nicht und so ist hier weder ein erhobener Zeigefinger auffindbar noch irgendeine Form von Polarisierung oder Überheblichkeit gegenüber unbewusstem Verhalten und Autobesitzern. Knierim unterstützt vielmehr dabei, den Horizont derjenigen zu erweitern, für die Autofreiheit undenkbar oder schwer umsetzbar scheint und zeigt Lösungsmöglichkeiten für alle Details auf.

Davide Brocchis »Urbane Transformation – Zum guten Leben in der eigenen Stadt« geht viel weiter. Der Autor, Initiator vom »Tag des guten Lebens: Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit in Köln«, bleibt nicht bei einer verkehrspolitischen Veränderungsvision stehen, auch wenn sicher insbesondere die Autofreiheit in manchem Kopf als eines der wesentlichen Kennzeichen des Tag des guten Lebens abgespeichert ist. Wer selbst dabei war, weiß, dass dies nur ein Merkmal unter vielen war und autofreie Zonen und Tage lediglich Hilfsmittel – wenn auch sehr kraftvolle! – sein können, um eine passende Grundlage für ein sozialeres Miteinander im urbanen Lebensalltag zu schaffen.
Im Artikel »Wer sind meine Nachbarn?« der Oya-Ausgabe 27/2014 hatte ich über den »Tag des guten Lebens« sowie über dessen Impulse und Auswirkungen auf Nachbarschaft und Alltag berichtet.

Davide Brocchi beschreibt in seinem Buch auf ansteckende Art seine ganz persönlichen Motive, sich für eine urbane Transformation einzusetzen. Berührend ist hier die beispielhafte Geschichte von Brocchis familiärem Ursprung – seinen italienischen Eltern und Großeltern mit Träumen und Enttäuschungen zu Nachbarschaft und Land- oder Stadtleben.
Teil seiner Ausführungen ist ebenso die Auseinandersetzung mit dem, was durch das Realexperiment »Tag des guten Lebens« gelungen ist und wo Herausforderungen im Prozess nur teilweise gemeistert werden konnten. Er beschreibt Ziele wie die Resilienzstärkung einer Stadt in Krisen und ein »gutes Leben«, in dem der Mensch im Mittelpunkt steht und direkte Mitgestaltung des Lebensumfelds durch jeden Bewohner tatsächlich umsetzbar ist.
Brocchi beschreibt detailliert und oft sachlich, vielleicht manchmal auch ein wenig »akademisch« – doch gerade dadurch bin ich fasziniert beim Lesen, wie er mich trotzdem packt und wie oft zwischen den Zeilen genau die Begeisterung, die Haltung, die unbeirrt ans innere und äußere Wachstum des Menschen glaubt, zu spüren ist und überspringt. Er will real verändern, bleibt dabei eben nicht pauschal und oberflächlich, und so finden sowohl Logistik, Geld, Kultur und Konflikte in Nachbarschaft als auch Themen wie Gruppendynamik, Medien und Stadtpolitik in offener und differenzierter Betrachtung ihren Platz. Genau so wird klar, was zu berücksichtigen ist, will man seinen persönlichen Beitrag ausdehnen und Teil einer Veränderung sein, die Visionen von z.B. autofreien Entschleunigungstagen auch in anderen Städten, selbstverwalteten Plätzen, Straßenpatenschaften für Flüchtlinge, die Einführung einer Regionalwährung u.ä. auf die Erde zu bringen vermag.
Sowohl Knierims »Ohne Auto leben« als auch Brocchis »Urbane Transformation« bieten sich als Beitrag zu einer realistischen Kraft der Veränderung im städtischen Raum an – und schaffen es dabei auch, sanft unterschiedliche Bedürfnisse und Motive zusammenzuführen. Danke dafür!

Christina Trees, 02/2017