Ein zentraler Faktor für Krisenresilienz ebenso wie für ein gutes Leben (Buen Vivir) ist soziale Kohäsion. Ebenso bedeutsam ist Vielfalt, denn Monokulturen – ökonomische und geistige inbegriffen – sind besonders krisenanfällig. Vielfalt bedeutet dabei nicht nur die Anerkennung menschlicher Andersartigkeit, sondern vor allem die Möglichkeit von Alternativen zu einem einzigen hegemonialen und nicht nachhaltigen Entwicklungsmodell. In diesem Sinne steht Nachhaltigkeit seit dem Dag-Hammarskjöld-Bericht »What Now? Another Development« (1975) für »Visionen einer anderen Entwicklung«.
In unserer »Wissens- und Informationsgesellschaft« (Bell 1973) gibt es bereits sehr viel Wissen – über Probleme und häufig auch über Lösungsansätze. Dazu fehlt es weder an Literatur noch an Konferenzen. So ist bekannt, dass ein schneller Ausstieg aus dem fossilen Energieregime (Öl, Kohle und Gas) notwendig ist, um die Erderhitzung zu begrenzen. Wer die Demokratiekrise überwinden will, sollte mehr Demokratie wagen. Wachsende soziale Ungleichheit erfordert eine gerechtere Verteilung von Ressourcen, Reichtum und Macht. Wer durch eigene Entscheidungen und Aktivitäten ökologische, ökonomische und soziale Schäden verursacht, sollte dafür selbst haften, statt diese externalisieren zu können.
Worüber wir jedoch noch vergleichsweise wenig wissen, ist, wie wir von den Problemen zu den Lösungen gelangen. Genau darin liegt die eigentliche Frage der Transformation. Sie lässt sich nicht allein aus Büchern lernen, sondern vor allem in der Praxis – indem wir uns selbst aufs Spiel setzen. Die Transformation sind wir, und der erste Schritt aus der Ohnmacht ist die Kooperation mit dem Anderen.
Transformation ist zunächst ein Kommunikationsprozess. Dabei gilt ein fundamentales Prinzip: Beziehung kommt vor Inhalt (Watzlawick et al. 2007). Die Qualität der Beziehungen prägt den Umgang mit den Inhalten. Wie eine Gesellschaft kommuniziert und sich organisiert, hat einen starken Einfluss auf ihren Umgang mit der Umwelt. Deshalb bedeutet Nachhaltigkeit mehr Kooperation als Wettbewerb, mehr Gemeinwesen als Privatwesen. Nachhaltigkeit beginnt mit der Veränderung sozialer Beziehungen. Sie entscheidet sich häufig weniger am Was als am Wie der Politik. So ist eine partizipativ gestaltete Transformation in der Regel nachhaltiger als eine, die von oben herab vorgegeben wird.
Da jeder Ort und jeder Kontext seine Eigenart besitzt, gibt es keinen universellen Königsweg zur nachhaltigen Transformation. Sie sollte mit einer Exploration statt mit einer Planung beginnen, denn die Expert:innen der Spezifizität eines Ortes sind in erster Linie jene, die dort leben und arbeiten. Während die dominanten Entwicklungsmodelle der Modernisierung Menschen und Natur als funktionale Objekte behandeln, setzt nachhaltige Transformation auf ihre Selbstermächtigung als handelnde Subjekte (Empowerment) sowie auf den Aufbau neuer Allianzen: zwischen Bürger:innen und Institutionen, zwischen Nachbarschaften und sozialen Bewegungen, zwischen Mensch und Natur usw.
Wenn die Agora der altgriechischen Demokratie eine exklusive war und auf der Ausbeutung von Sklaven beruhte, dann erfordert ein gutes Leben, das nicht auf Kosten anderer geht, eine erweiterte Agora, in der auch diese Anderen eine Stimme erhalten – einschließlich zukünftiger Generationen und der Natur.
Menschen tun bekanntlich nicht unbedingt das, was sie wissen, denn Denkweisen, Gewohnheiten und kulturelle Prägungen, die über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte entstanden sind, lassen sich nicht von heute auf morgen verändern. Wer dazu erzogen wurde, in erster Linie zu konkurrieren und wie ein Homo oeconomicus zu handeln, hat oft Schwierigkeiten zu teilen oder zu kooperieren. Eine starke Demokratie setzt dagegen eine Kultur des Vertrauens statt des Misstrauens voraus. Deshalb kann es keine nachhaltige Transformation ohne kulturellen Wandel geben. Dies erfordert eine emanzipierte Bildungs-, Wissenschafts-, Kunst- und Medienlandschaft.
Nachhaltige Transformation beginnt im Lokalen – und sollte als individueller und kollektiver Lernprozess verstanden und gestaltet werden. Jede Stadt, jedes Quartier und jedes Dorf kann zu einem Lernort werden, an dem Alternativen erprobt und neue Formen des Zusammenlebens entwickelt werden. Freiräume für soziale Experimente, Gemeingüter und nicht-kommerzielle Rituale können soziale Kohäsion fördern und Wandel erfahrbar machen. Ein Beispiel hierfür ist der Tag des guten Lebens, der seit 2013 jährlich in Köln stattfindet.
© Dr. Davide Brocchi – Köln, 30.6.2026