Stadt für alle und von allen – 365 Tage des guten Lebens?

Der neue Band »Die soziale Welt der Transformation« von Andreas Thiesen ist erschienen. Im Zentrum steht die Vermittlung von Transformationswissen an Lehrende, Praktikerinnen und Praktiker sowie Studierende der Sozialen Arbeit. Hier die Einführung zu meinem Beitrag.

Jede:r Bürger:in ist ein:e Transformator:in. Jede:r Wissenschaftler:in trägt immer eine gesellschaftliche Verantwortung. Jede:r Unternehmer:in wirkt als Aktivist:in. Fragt sich nur, für welche Entwicklung. Bisher hat der überwiegende Teil der gesellschaftlichen Akteur:innen die kapitalistisch-industrielle Transformation bewusst oder unbewusst mitgetragen. Sie begann vor einigen Jahrhunderten und dominiert immer noch. Im Kulturprogramm der Modernisierung wird sie als »alternativlos« begriffen und legitimiert. Darin wird die Marktwirtschaft so hingenommen, als wäre sie das unausweichliche Schicksal der Menschheit. Stellt eine Partei die Marktwirtschaft infrage, gilt sie als »nicht-regierungsfähig«. Eine Politik ohne Alternativen verkommt jedoch zur bürokratischen Verwaltung. Ohne echte Freiheit wird die Gesellschaft zur »Megamaschine« (Mumford, 1974), in der gut ist, was funktioniert – Menschen inbegriffen. Weicht etwas von der mechanischen Ordnung ab, wird es als »Devianz« behandelt, entsprechend abgewertet, verdrängt, unterdrückt – oder assimiliert. In diesem Kontext ist Wandel lediglich als »moving equilibrium« und »geordneter Prozess (…) hin zu einem statischen Gleichgewicht« (Parsons, 1951, S. 23) vorstellbar und wird als »Fortschritt« gestaltet (Bury, 1979; Sbert, 2010). »Innovation« wird dabei großgeschrieben, allerdings nur, wenn sie systemkonform ist. Umweltorientierte Innovationen haben es hingegen schwer. Während die neoliberale Globalisierung und die Digitalisierung in wenigen Jahren durchgesetzt wurden, haben selbst 28 UN-Klimakonferenzen bisher nicht ausgereicht, um die globalen Treibhausgasemissionen zu reduzieren (The Global Carbon Budget, 2023). Im heute noch dominanten Entwicklungsmodell der Modernisierung werden vor allem Lösungsansätze verfolgt, die auf eine Systemstabilisierung durch Anpassung, Reparatur, Optimierung, Kompensation oder Kostenexternalisierung (Lessenich, 2017) zielen. Das gilt auch für die »ökologische Modernisierung« und das sogenannte »grüne Wachstum«. Im Kampf gegen den Klimawandel hieß die Formel der Ampel-Regierung 2021 »Mehr Fortschritt wagen« (SPD et al., 2021). Aber können die Probleme wirklich durch ein »Mehr vom Gleichen« gelöst werden?

Die Jahre 2007–2010 stellten eine Zäsur für die Entwicklung unserer Gesellschaft dar. Durch die Weltfinanzkrise, das Scheitern der UN-Klimaverhandlungen in Kopenhagen und die Skandale um Großprojekte wie Stuttgart 21 starb damals die Illusion, dass die Lösung für die großen Probleme des 21. Jahrhunderts vom Staat und/oder vom Markt kommen würde. So begann die Zivilgesellschaft, sich selbst zu ermächtigen. Mit dem Slogan »Wir sind die 99 %« forderte die »Occupy-Wall-Street-Bewegung« eine demokratische Kontrolle der Märkte (Candeias & Völpel, 2014). Gleichzeitig internationalisierte sich die britische »Transition-Town-Bewegung«. Darin begannen die Bürger:innen den Klimaschutz vor der eigenen Haustür anzupacken und Schritte in eine postfossile Stadt einzuleiten. Gegen die Stadt als Spekulationsobjekt bildeten sich vielerorts Bürger:inneninitiativen. Sie fragten: »Wem gehört die Stadt?« und forderten ein »Recht auf Stadt« (Correctiv o. J.). All diese Bewegungen waren in der Überzeugung vereint, dass der Weg, der in die Polykrise geführt hat, nicht jener sein kann, der uns aus ihr herausholt. Während die Top-down-Steuerung der Gesellschaft die Polykrise verursacht hat, erfordert eine nachhaltige Transformation neue Governance-Formen. Eine Megamaschine kann perfekt funktionieren – und gleichzeitig gegen eine Wand fahren. In diesem Fall reichen Systemstabilisierungen nicht aus: Ein »Systemwechsel« (Merkel, 1999, S. 15) wird benötigt, sprich, ein »weltweiter Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft« (WBGU, 2011, S. 5 ).

Wie lösen wir uns also von der kapitalistisch-industriellen Transformation, um in die nachhaltige Transformation zu gelangen? Eine Möglichkeit wäre, diesen historischen Wandel als einen individuellen und kollektiven Lernprozess zu betrachten und zu gestalten. Dafür plädiert dieser Aufsatz. Nach einer Begriffsklärung werden Wege in die partizipationsorientierte Transformation zur Nachhaltigkeit dargestellt. Die bisherige kapitalistisch-industrielle Transformation hat wesentlich zur heutigen Polykrise (Tooze, 2022) beigetragen. Diese ist keine Naturkatastrophe, sondern das Resultat von bewussten Entscheidungen – Entscheidungen, die »im Rahmen privater und/oder staatlicher Organisationen getroffen werden (…), auf der Grundlage eines Kalküls, bei dem Gefahren als unvermeidliche Schattenseite des Fortschritts gelten« (Beck, 2008, S. 17). Ohne diese strukturelle Nicht-Nachhaltigkeit zu überwinden, kann keine Nachhaltigkeit gelingen.

© Dr. Davide Brocchi, 2026 – Aus »Die soziale Welt der Transformation« von Andreas Thiesen, erschienen im Januar 2026 bei Springer VS (S. 141-143). Weitere Informationen zum Band hier

 

 

 

 

 

 

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