Unter diesem Titel ist im März ein Sammelband erschienen, herausgegeben von Herrmann Theisen. Er versammelt Essays gegen den Krieg und für zivile Formen der Konfliktlösung und enthält ein Geleitwort von Hartmut Rosa. An dieser Stelle veröffentliche ich eine Leseprobe aus meinem Beitrag.
Nachhaltigkeit bildet den Gegenentwurf zu jeder Entwicklung, die soziale Systeme in eine Sackgasse führt. Derzeit befindet sich unsere Gesellschaft in einer Polykrise, in der sich verschiedene Phänomene – Klimawandel, demokratische Erosion, soziale Polarisierung, ökonomische Instabilität sowie internationale Spannungen und Konflikte – miteinander verflechten, sich überlagern und gegenseitig verstärken. Die Illusion der Moderne, wonach der Mensch durch wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt die Komplexität und die Umwelt beherrschen könne – nach dem Motto »knowledge is power« –, erweist sich zunehmend als trügerisch. Ausgerechnet im Anthropozän erleben wir einen fortschreitenden Kontrollverlust. Selbst unter Menschen, die in Demokratien leben, breitet sich das Gefühl der Ohnmacht immer weiter aus.
Gerade in dieser Polykrise wird die Frage nach Krisenresilienz und der Widerstandsfähigkeit sozialer Systeme immer drängender. Dabei ist die Behandlung der Ursachen entscheidender als die bloße Bekämpfung von Symptomen. Denn die Krisen und Konflikte unserer Zeit sind keine unerwarteten Naturkatastrophen, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Entwicklungen und bewusster Entscheidungen, die – so der Soziologe Ulrich Beck – im Rahmen privater und staatlicher Organisationen getroffen wurden. Der Weg, der uns in die Polykrise geführt hat, kann nicht derselbe sein, der uns herausführt. Wer die heutigen Probleme lösen will, muss den Rahmen kritisch hinterfragen, der sie hervorgebracht hat. So könnten Demokratiekrise, Klimawandel und Krieg ähnliche systemische Ursachen haben.
Polykrise und Ursachenforschung
Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte weist auffällige Parallelen zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf: von dramatischen Weltfinanzkrisen (1929 und 2008) über die Krise der Demokratien und interne Polarisierungen bis hin zu internationalen Spannungen und Kriegen. Eine solche Verkettung von Phänomenen lässt sich nicht allein durch Führer und Autokraten erklären – davon war schon der Sozialanthropologe Karl Polanyi überzeugt. Mitten im Zweiten Weltkrieg suchte er nach den tieferen Ursachen für das Scheitern der westlichen Zivilisation und fand sie in einer Doppelbewegung: »In der Vorherrschaft des Marktes und in der unzureichenden Antwort der Gesellschaft darauf«. Die erste Liberalisierung des Welthandels an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert hatte eine Kettenreaktion ausgelöst, so dass die Entfesselung der Marktkräfte zu einer fortschreitenden Desintegration der Gesellschaft führte. Sündenböcke, Feindbilder, Nationalismus und Expansionsbestrebungen dienten dann dazu, den inneren Zusammenhalt künstlich zu stabilisieren – und verlagerten gleichzeitig interne Konflikte nach außen. Entsprechend warnte Polanyi in The Great Transformation (1944) vor der »krassen Utopie« eines selbstregulierenden Marktes, der die »menschliche und natürliche Substanz der Gesellschaft« zu zerstören drohe.
Diese Warnung blieb ungehört – und so wurden die Marktkräfte ab den 1980er-Jahren erneut entfesselt. Liberalisierung, Privatisierung, Sozialabbau – für Jahrzehnte wurde diese neoliberale Politik mit einem einzigen Satz legitimiert: »There is no alternative«. Damit wurde gesellschaftliche Entwicklung zum Schicksal, mit dem man sich nur abfinden konnte – und Politik zur bloßen Verwaltung von Sachen. In den Demokratien machten die Menschen die Erfahrung, dass ein Regierungswechsel nicht unbedingt einen politischen Wechsel bedeutet. Wenn heute viele Staaten mit ähnlichen Problemen ringen – Vertrauenskrise, populistische Bewegungen –, hängt dies möglicherweise mit der gemeinsamen Entwicklung der letzten Jahrzehnte zusammen.
Auf internationaler Ebene rief US-Präsident George H. W. Bush 1990 die »Neue Weltordnung« aus – eine unipolare, denn der Westen sah sich als Sieger des Kalten Kriegs und handelte entsprechend. Die Vereinten Nationen wurden geschwächt statt gestärkt, da die Weltpolitik nun in »informellen Treffen« wie denen der G7 verhandelt werden sollte. Während sich der Warschauer Pakt 1991 auflöste, beschloss die NATO ihre Umgestaltung von einem Verteidigungsbündnis zu einer Sicherheitsorganisation. Dem »gemeinsamen Haus Europa« von Michail Gorbatschow wurde die Osterweiterung vorgezogen – trotz Warnungen von Experten wie George Kennan und Ex-Kanzler Helmut Schmidt. Trotzdem bekehrten sich sowohl Russland als auch China zum Kapitalismus, traten der Welthandelsorganisation (WTO) bei und öffneten ihre Märkte für den Westen. Auch damals war China keine Demokratie – und dennoch freuten sich Länder wie Deutschland auf die lukrativen Geschäfte dort. Durch die neoliberale Globalisierung geriet die Agenda 21, die 1992 beim Erdgipfel in Rio de Janeiro beschlossen wurde, zunehmend in Vergessenheit. Statt einer sozial-ökologischen Wende globalisierten sich Kommerz und Massenkonsum – mit entsprechend drastischen Folgen für Umwelt und globalen Süden.
Mit der Marktöffnung und dem Welthandel war das Versprechen verbunden, die Menschheit enger zusammenrücken zu lassen. Doch erneut geschah das genaue Gegenteil. Während die Profite aus Finanzspekulationen privatisiert wurden, wurden die Kosten der Weltfinanzkrise sozialisiert. Die soziale Ungleichheit nahm massiv zu: Laut Oxfam besaßen 2017 acht Milliardäre zusammen so viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Betroffen war nicht nur das Verhältnis zwischen globalem Norden und Süden – auch innerhalb westlicher Gesellschaften verschärfte der staatliche Rückzug aus der Umverteilungsaufgabe die Spaltung. In Deutschland hielten damals 36 Milliardäre ebenso viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung – und seitdem ist die Lage nicht gerechter geworden. Statt Vermögens- und Erbschaftssteuern wieder einzuführen und Steueroasen sowie Spekulation wirksam zu bekämpfen, wurden Migrationsbewegungen zum Sündenbock erklärt und die Außengrenzen Europas befestigt. Vor diesem Hintergrund wirkt das Narrativ des Westens als »Wertegemeinschaft« oder gar »Solidargemeinschaft« heute selbst in der eigenen Bevölkerung unglaubwürdig. Entsprechend sind nur die wenigsten dafür bereit, in den Krieg zu ziehen und zu sterben.
Zugleich hat sich die Logik von Profitmaximierung und Wettbewerb weltweit durchgesetzt. Heute handeln ganze Nationen im Sinne eines egoistischen Homo oeconomicus – und die USA dienen weiterhin als Vorbild. Aus »America first« wurde so »China first«, »Russia first«, »Ukraine first«, »Poland first«, »Italy first« und so weiter. Selbst in Deutschland verschieben sich die Töne der Politik entsprechend. Im Kapitalismus führt jeder Wachstumszwang zu Expansionsdrang. In einer Wettbewerbslogik bedeutet das auf einem begrenzten Planeten zwangsläufig Krieg – unter den Menschen und mit der Natur. Die alte Weltordnung verkommt so zunehmend zur neuen Weltunordnung. In dieser Situation erlebt der Westen selbst eine Regression.
Von der Kriegstüchtigkeit zur Friedenstüchtigkeit
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