Freiheit entsteht dort, wo Räume unfertig bleiben

Was bedeutet es, Mensch zu sein – in einer Welt, die sich immer weiter von der Natur entfernt? Hier der zweite Teil meines Interviews in der Schweizer Zeitschrift Die Freien.

Was bedeutet es, Mensch zu sein – in einer Welt, die sich immer weiter von der Natur entfernt? Der Transformationsforscher Davide Brocchi spricht von einer tiefen Entfremdung, die nicht nur zwischen Mensch und Umwelt, sondern auch in uns selbst stattgefunden hat. Seine Arbeit kreist um die Frage, wie wir wieder in Beziehung treten können – zu unserer Umgebung, zu anderen Menschen, zu unserer eigenen Natur.

Im zweiten Teil des Gesprächs mit «DIE FREIEN» geht es um das Spannungsfeld zwischen Stadt und Land, Modernität und Ursprünglichkeit, Zugehörigkeit und Freiheit. Brocchi erzählt, wie er als Kind auf dem Land den sogenannten «Fortschritt» als einen Prozess der Entwurzelung erlebte – und wie Nachhaltigkeit demgegenüber eine Wiederverwurzelung des Lokalen erfordert.

«DIE FREIEN»: Im vorangegangenen Teil unseres Gesprächs, aber auch in vielen ihrer Vorträge sprachen Sie von der Angst vor dem Unbekannten – dem «Fremden». Ich persönlich merke immer wieder, dass mit der Rückkehr zur Natur bei vielen Menschen etwas aufbricht. Was aber, wenn uns die Natur selbst – in uns und im Aussen – fremd geworden ist? Wie lässt sich diese Kluft überbrücken?

Davide Brocchi: Ich glaube, die Entfremdung von der Natur ist eine Erfahrung, die viele von uns teilen – oft unbewusst. Ich bin auf dem Land in Italien aufgewachsen. Als Kind zählte ich auch Tiere zu meinem sozialen Netzwerk – und davon gab es dort mehr als Menschen. Ich spielte mit Hunden genauso wie mit Kindern. Ob Kaninchen und Igel Gefühle haben und diese ausdrücken können, stellte ich nie infrage – ganz anders als im mechanistischen Denken der modernen Naturwissenschaften. Damals pflückte ich Obst direkt von den Bäumen – und diesen Geschmack vermisse ich bis heute. Im Supermarkt lässt er sich sicher nicht finden.

Meine Grosseltern waren Bauern und verwendeten kaum Chemie – nicht, weil sie «Nachhaltigkeit» studiert hatten – sie hatten nicht einmal die Grundschule abgeschlossen –, sondern weil sie es von ihren eigenen Eltern so gelernt hatten: Chemiefreie Landwirtschaft war Tradition. Auf dem Land pflegten Produzenten und Konsumenten persönliche Beziehungen – und allein das veränderte den Charakter der Wirtschaft grundlegend. Aufgrund solcher Erfahrungen ist Nachhaltigkeit für mich bis heute nicht nur eine Frage der Zukunft, denn ein Stück davon habe ich in der Vergangenheit erlebt. Die lokale Kultur stützte ein ökologisches Gleichgewicht. Dinge wurden nicht weggeworfen, sondern meist repariert. Ebenso wirkten lokale Kulturen als soziales Bindemittel. In meiner Kindheit war schon der Dialekt Ausdruck von Zugehörigkeit: Die Atmosphäre wurde sofort vertrauter, sobald man Dialekt sprach. Schon kleinste Unterschiede verrieten, aus welchem Dorf jemand kam.

Wenn lokale Kulturen eine solche Funktion haben, überrascht es nicht, dass ihre Zerstörung soziale und ökologische Missstände hervorbringt – Émile Durkheim sprach von «anomischen» Zuständen. Ähnlich verlief es mit dem Fortschritt und der Modernisierung in meiner ländlichen Heimat ab den 1970er-Jahren. Heute spricht dort kaum noch jemand Dialekt – und damit ist ein Gefühl von Gemeinschaft verloren gegangen. Die Industrialisierung der Landwirtschaft führte damals zu einem drastischen Anstieg der Krebsraten. Ende der 1980er kam sogar der Tourismus an der Adriaküste wegen Wasserverschmutzung und Algenplagen zum Stillstand. Das zeigte: Das Neue ist nicht unbedingt besser als das Alte – entgegen dem, was uns «Fortschritt» und «Modernisierung» glauben machen wollen. Wenn soziale und ökologische Probleme aus der Entwurzelung unserer Lebensweisen entstanden sind, dann braucht Nachhaltigkeit eine Wiederverwurzelung. Damit verbinde ich Bewegungen wie Slow Food oder Slow City.

Sie haben irgendwann das Land jedoch verlassen und Sie leben seit mehr als 30 Jahren in Grossstädten – Bologna, Düsseldorf und dann Köln, richtig?

DB: Ja, einerseits war die Modernisierung meiner alten Heimat auch eine kulturelle. In der Schule musste ich lernen, dass die Lebensweise meiner Grosseltern «rückständig» sei. Im Fernsehen wurden «Hochkultur», technischer Fortschritt und modernes Leben als Massstab präsentiert. So begann ich, mich für meine Herkunft zu schämen und sah darin ein Hindernis für meine Entwicklung in der modernen Gesellschaft. Ich war selbst mit meinem Leben auf dem Land nicht wirklich zufrieden. In meinem Dorf erlebte ich zwar eine starke Nachbarschaftssolidarität – aber nur, solange man sich an bestimmte Regeln hielt. Abends sassen in den Kneipen beispielsweise nur Männer am Tresen; eine Frau allein an der Theke wäre schon schief angeschaut worden. Schwule Männer wurden oft gehänselt und ausgegrenzt. Eine starke Gemeinschaft kann also auch die Individualität und das Anderssein unterdrücken. So habe ich das Land verlassen, um mich persönlich entfalten zu können – auf der Suche nach weltoffenen Formen von Gemeinschaft, in denen sich Beziehung und Individualität gegenseitig befruchten, statt zu negieren.

1989 ging ich nach Bologna, um Philosophie zu studieren, unter anderem bei Umberto Eco. Jene Migration vom Land zur Grossstadt fiel mir jedoch fast schwerer als die spätere von Italien nach Deutschland. In der Universität sass ich fast ausschliesslich neben Kindern aus bürgerlichen Familien – und sprach selten mit ihnen, aus Angst, mein Dialekt verrate meine Herkunft. Soziale Ungleichheit kann aus dem Inneren heraus wirken – als Introvertiertheit und Minderwertigkeit. Trotzdem setzten sich immer die Neugier durch und die Lust, die eigenen Horizonte zu erweitern und sich darin weiterzuentwickeln. Das führte mich 1992 nach Deutschland. Ich verband Nordeuropa mit Aufklärung und Emanzipation. Tatsächlich wurde mir später hier bewusst, dass Menschen in modernen Gesellschaften nicht unbedingt frei leben. Machtstrukturen sind nicht komplett abgeschafft worden, sondern haben ihre Form geändert. Das erkannten in Deutschland Philosophen wie Max Horkheimer in seiner «Kritik der instrumentellen Vernunft». Gerade in Grossstädten erlebe ich viele Menschen als Teil einer «Megamaschine», in der man im Alltag vor allem funktioniert.

Bemerkenswerterweise wurde mir gerade in dieser Umgebung der Wert meiner Wurzeln wieder bewusst – und sie haben meine Arbeit tief geprägt. Wer sich nicht vollständig assimiliert und anders bleibt, zahlt heute oft einen Preis – insbesondere als Freiberufler. In unserer ökonomisierten Gesellschaft hängt das Überleben vom Geld ab, nicht von Bäumen. Gleichzeitig habe ich in meinem früheren Leben gelernt, dass sich Ökonomien auch auf andere Währungen stützen können. Innerhalb der Familie und im Freundeskreis ist soziales Kapital oft wichtiger als ökonomisches. In Zeiten der Polykrise dürfen wir uns nicht auf alte Sicherheiten verlassen – es braucht auch kreatives Kapital: Menschen, die neue Wege gehen. Selbst jene, die in der «Megamaschine» Karriere gemacht haben und viel leisten, sind nicht unbedingt glücklich. Erschöpfung, Depression und Burnout treten auch in meinem Umfeld häufiger auf. In einer privatisierten Gesellschaft ist selbst der Widerstand in gewisser Weise privatisiert worden – er äussert sich oft psychosomatisch.

Ich spüre bei vielen Menschen eine tiefe Sehnsucht nach einem anderen Leben – und gerade diese Sehnsucht ist eine wichtige Energiequelle für soziale Veränderung. Mit dem «Tag des guten Lebens» in Köln und Berlin wollte ich genau diese Sehnsucht ansprechen, aktivieren und in kollektive Kreativität verwandeln.

Wie hat aber Ihre Erfahrung der Migration Ihre Forschung zur Transformation beeinflusst?

DB: Ich bin in einer politisch geprägten Region Italiens aufgewachsen. Die Emilia-Romagna war eine stark linke Region, die antifaschistische Partisanenbewegung war dort im Zweiten Weltkrieg besonders aktiv. Dort lernte ich, dass gesellschaftliche Entwicklung und Ungerechtigkeit kein Schicksal sind, dem man sich einfach hingeben muss. Politik war für mich stets mit dem Versprechen verbunden, sich selbst das zu schaffen, was man sonst vermissen würde. In einer starken Demokratie bedeutet Politik nicht bloss die Delegation von Macht und Regierung, sondern Ko-Kreation. In einer Welt, in der viele migrieren und ständig mobil sein müssen, liegt Heimat heute dort, wo man mitgestalten kann – und mitgestalten darf. So ist es jedenfalls für mich.

Seit 15 Jahren initiiere, entwickle und begleite ich Transformationsprozesse in deutschen Städten und Regionen. Dabei fällt mir auf, dass die Impulse für Veränderung vor Ort selten von Alteingesessenen kommen, sondern meist von Menschen, die in ihrem Leben eine Form von Migration erfahren haben – zwischen sozialen Schichten, zwischen Land und Stadt oder zwischen Ländern. Wer ein System nur von innen kennt, hält dessen Normalität oft für selbstverständlich. Selbst Probleme können zur Routine werden. Erst durch den Fremdblick relativiert sich das «Selbstverständliche» – und wird dadurch gestaltbar. Transformation erfordert einen Perspektivenwechsel und ist selbst eine Form von Migration: von der Komfortzone in die Lernzone. Während Modernisierung häufig von oben herab erfolgt – als Missionierung oder Kolonisierung – verstehe ich mich als Katalysator von Transformationsprozessen. Die Modernisierung standardisiert Orte, bis sie nahezu austauschbar erscheinen. Ich hingegen fokussiere mich bewusst auf die lokale Eigenart und versuche, die Potenziale vor Ort zu aktivieren – im Rahmen weltoffener Gemeinschaften [Weiterlesen…]

© Dr. Davide Brocchi – Köln, 14.4.2026

 


Bild: Aus dem Kunstprojekt»Battery Park Landfill« von Agnes Denes, Downtown Manhattan, 1982

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