Menschenbilder und Polykrise

Wenn Kultur der geistige Bauplan der Gesellschaft ist, dann wurde die moderne, westlich geprägte Gesellschaft auf den eher pessimistischen Menschenbildern des Leviathans und des Homo oeconomicus errichtet. Warum diese maßgeblich zur gegenwärtigen Polykrise beigetragen haben …

Die zentrale Frage des 21. Jahrhunderts lautet: Wie ist ein friedliches Zusammenleben in der Vielfalt auf einem begrenzten Planeten möglich? Dass diese Frage bisher falsch beantwortet wurde, zeigt sich in der aktuellen Polykrise. Die verschiedenen Krisen – von der Klimakrise über die Demokratiekrise bis hin zu Wirtschaftskrisen, Aufrüstung und Krieg – sind weder eine unerwartete Naturkatastrophe noch das Resultat des wiedererwachten Bösen. Vielmehr sind sie das nahezu logische Resultat jahrzehntelanger, bewusst vorangetriebener Entwicklungen, also von Entscheidungen, die »im Rahmen privater und/oder staatlicher Organisationen getroffen« wurden (Beck 2008: 17). Diese Entscheidungen entstehen auf Basis einer Kultur, sprich von verinnerlichten Werten und Glaubenssätzen. Wenn Kultur der geistige Bauplan einer Gesellschaft ist, dann hat sich in der bisherigen Entwicklung des Westens ein Kulturprogramm habitualisiert, institutionalisiert und materialisiert, das durch zwei pessimistische Menschenbilder geprägt ist: den Leviathan von Thomas Hobbes (1996 [1651]) und den Homo oeconomicus von John Locke und Adam Smith (Brocchi 2011; Bregman 2022).

Zum Leviathan

Der moderne Staat gründet sich auf der Vorstellung, dass »der Mensch dem Menschen ein Wolf« (homo hominis lupus) sei. In Hobbes’ Hauptwerk »Leviathan« von 1651 verzichten die Menschen durch einen Gesellschaftsvertrag auf Freiheit und Selbstbestimmung zugunsten eines staatlichen Gewaltmonopols, das die Individuen voreinander schützt. Überall dort, wo ein tiefes Misstrauen herrscht, kann kein Demokratieprojekt vollendet werden. Umgekehrt braucht, wer autoritäre Entwicklungen fördern möchte, nur Misstrauen und Angst zu verbreiten (Mausfeld 2019). Institutionen, die den eigenen Bürgerinnen und Bürgern nicht vertrauen, ziehen der direkten Demokratie die repräsentative vor. Dabei sind die Bürger eher Objekte statt Subjekte der Politik. Weil in deutschen Kommunalverwaltungen sich hartnäckig die Vorstellung hält, dass nur Chaos entstehen kann, wenn man die Bürger »machen lässt«, darf eine Nachbarschaft hier nicht einmal die eigene Straße selbst gestalten und beleben, ohne mit Vorschriften und Auflagen konfrontiert zu werden. Zwar postulieren Demokratietheorien, dass die öffentliche Debatte und der Abstimmungsprozess umso breiter sein müssten, je folgenreicher eine Entscheidung ist. Doch die Finanzkrise 2008, die Coronakrise und der Ukraine-Krieg offenbarten, dass Entscheidungen von großer Tragweite zunächst in engen Zirkeln fallen – und die Parlamente ihnen später oft ohne substanzielle Debatte zustimmen. Und je exklusiver und homogener diese Entscheidungszirkel sind, desto eher entsteht eine Wahrnehmungsblase. In ihr bestätigen sich die Akteure gegenseitig – ungeachtet dessen, ob ihr Weltbild der Wirklichkeit entspricht. Damit wächst jedoch das Risiko von Fehleinschätzungen, die im Extremfall katastrophale Folgen haben können. Weil wir die Welt so gestalten, wie wir sie sehen, wird politische Wahrnehmung oft zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Wenn die Europäische Union etwa massiv aufrüstet, weil sie Russland als Bedrohung wahrnimmt, steigert sie damit das Kriegsrisiko, da sie selbst zur Eskalationsspirale beiträgt. 

Ein Leviathan kommt selten ohne Feindbilder aus, denn nur so kann er sich als Schützer legitimieren und eine polarisierte Gesellschaft künstlich zusammenschweißen. Ein solches Menschenbild bildet nicht nur die Grundlage der innerstaatlichen Ordnung, sondern prägt auch eine imperiale Vorstellung von Weltordnung. Dabei dient das Fremde als Projektionsfläche für die Haltung der Gesellschaft zu sich selbst. So schreibt sich der Westen seit Jahrhunderten den vermeintlichen Auftrag zu, »die Barbaren zu zivilisieren« (Lanternari 1997) – mal durch Missionierung, mal durch (Neo)Kolonisierung. Mit dem Ende des Kalten Krieges hätte die Chance für ein neues Weltregime bestanden. Die Vereinten Nationen hätten reformiert und gestärkt werden können, um eine multilaterale Weltordnung zu etablieren. Die NATO hätte sich gemeinsam mit dem Warschauer Pakt 1991 auflösen können, um das »gemeinsame Haus Europas« (Michail Gorbatschow) Wirklichkeit werden zu lassen. Doch stattdessen begann die NATO nach Osten zu expandieren und damit das Misstrauen Russlands zu provozieren, während US-Präsident George H. W. Bush 1990 eine neue, unipolare Weltordnung ausrief. So inszenierte sich die G7 anstelle der Vereinten Nationen als informelle Weltregierung, während die USA die Rolle des Weltpolizisten übernahmen. Da Verfassungen nur innerstaatliche Angelegenheiten regeln, dominierte auf der internationalen Bühne weiterhin das Recht des Stärkeren. Bisher wurde das Völkerrecht fast ausschließlich gegen die Verlierer von Konflikten angewandt – doch praktisch nie gegen die Sieger.

Immerhin ging es in den 1990ern um eine Weltordnung, also um den Versuch, globale Probleme zu lösen. Doch gerade der Drang nach »großen Lösungen« verschärft Probleme oft erst recht (Radkau 2012: 114). Wer die weltumfassende Komplexität durch ihre künstliche Reduktion zu beherrschen sucht, erzeugt dadurch Weltunordnung statt Weltordnung. Je stärker die systemische Herrschaft ausfällt, desto heftiger ist der Widerstand aus der ökologischen und sozialen Umwelt. Was der Soziologe Wolfgang Sachs 1997 schrieb, wirkt aus heutiger Sicht wie eine Prophezeiung: Die westliche Zivilisation ist »mit der bitteren Einsicht konfrontiert, dass ihre gewaltige Macht über die Welt und die Natur keineswegs umfassende Kontrolle einschließt; im Gegenteil, sie bringt – raumverschoben und zeitversetzt – Auswirkungen hervor, welche das Zentrum selbst destabilisieren könnten«. So haben sich Grund und Ziel der westlichen Hegemonie in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Das Verhältnis zur Welt wird nicht mehr im Rahmen von »Entwicklung«, sondern unter dem Paradigma der »Sicherheit« begriffen (Sachs 1997: 98). Um die eigene Ordnung gegen die wachsende Unordnung zu schützen, hat der Globale Westen begonnen, Mauergrenzen zu errichten: zwischen USA und Mexiko, Europa und Afrika, Ungarn und Serbien, Polen und Belarus, Israel und Westjordanland. Selbst Australien hat seine Nordgrenze mit einer Seeblockade gegen Bootsflüchtlinge abgeschottet. Ein solches Grenzregime schützt nicht nur den Wohlstand, sondern auch die Ursachen der Unordnung »da draußen«. Damit wird die Auseinandersetzung mit den wahren Kosten der eigenen Entwicklung vermieden, denn weder Wirtschaftswachstum noch Massenkonsum entstehen im luftleeren Raum. Um beides zu ermöglichen, sind die Grenzen nicht komplett verschlossen, sondern funktionieren wie »Sortiermaschinen« (Mau 2022), die eine Internalisierung von Ressourcen, Profiten und »Humankapital« ermöglichen bei gleichzeitiger Externalisierung der Kosten der Entwicklung (Armut, Umweltzerstörung, Konflikte…). Weil die Umwelt gleichzeitig Innenwelt ist, überträgt sich die Logik des Grenzregimes auch nach innen. Für Stephan Lessenich (2017: 128 f.) haben die Guarded Borders an den Außengrenzen ihre innergesellschaftliche Entsprechung in Gated Communitys, das sind »exklusive, umzäunte und bewachte Wohnkomplexe, in deren heiler Welt sich die Wohlhabenden häuslich einrichten«. Obwohl sich Privilegien und Benachteiligung gegenseitig bedingen, leben reiche und arme Menschen in Köln oder Berlin auf getrennten Planeten, zwischen denen es im Alltag kaum Interaktion gibt. 

Neben der Abschottung der Wohlstandsinseln identifizierte Wolfgang Sachs (1997: 98) eine zweite Strategie für die Schadensbegrenzung: die strategische Ausweitung der Herrschaft. Denn »die Hegemonialmächte sehen sich jetzt zum überlegenen Management eines potenziell chaotischen Weltsystems berufen«. Weil das System deutlich abhängiger von seiner Umwelt ist als umgekehrt, kann der Westen nur dann weiterhin Wachstum und Massenkonsum aufrechterhalten, wenn die Versorgung mit Rohstoffen und Energie garantiert bleibt, die Lieferwege geschützt sind und die Absatzmärkte erweitert werden. Eine Weile lang diente dem Westen die Finanzkraft als effektives Herrschaftsinstrument. Entwicklungsländer, die Kredite benötigten, mussten sich »Strukturanpassungsprogrammen« unterordnen, die den Helfern mehr zugutekamen als den Geholfenen (Hamm 2006). Die westliche Dominanz stieß in der ersten Phase der Globalisierung auf keine ernstzunehmende Konkurrenz. Doch inzwischen sind aus ehemaligen Schwellenländern autoritäre Wirtschaftsmächte hervorgegangen. Bald könnte China sogar die USA als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen. In dieser neuen Situation hat der Westen eine protektionistische Wende eingeleitet. Zudem wird der ökonomische Wettbewerb zunehmend militärisch ausgetragen. Wenn die USA bis heute 750 Militärbasen in mindestens 80 Ländern der Welt unterhalten (Hussein und Haddad 2021) und jahrelang mehr für Rüstung ausgegeben haben als die folgenden neun bis elf größten Militärmächte zusammen (SIPRI 2023), dann kann dies nicht allein der Verteidigung dienen. Obwohl NATO-Staaten nur 12 % der Weltbevölkerung stellen, beliefen sich ihre gesamten Militärausgaben 2024 auf 1.474 Milliarden Dollar (Mergener 2024), das entspricht 60 % der globalen Rüstungsausgaben. So wie die Sozialpolitik zunehmend durch innere Sicherheitspolitik ersetzt wird, erfolgt auch die Außenpolitik immer stärker als Militärpolitik. Der Leviathan bekämpft Konflikte mit Gewalt, denn ihre Prävention würde andernfalls eine grundlegende Veränderung des Systems selbst erfordern – jenes Systems also, das diese Konflikte überhaupt erst hervorbringt. 

Zum Homo oeconomicus

Auf dem »Homo oeconomicus« basiert die kapitalistische Marktwirtschaft, die in westlichen Gesellschaften als alternativlos gilt und durch die neoliberale Globalisierung als Modell universalisiert wurde. Selbst Russland und China bekennen sich inzwischen zum Kapitalismus. Dieses Wirtschaftsmodell ist Ausdruck des Glaubenssatzes, dass alle Menschen in ihrem Wesen Egoisten sind, die nur darauf bedacht sind, ihren Eigennutzen zu maximieren und die eigenen Kosten zu minimieren. Grundlegend für diese Denkweise sind die Werke »Zwei Abhandlungen über die Regierung« von John Locke (2023 [1689]) und »Der Wohlstand der Nationen« von Adam Smith (2018 [1776]). Wer zum Homo oeconomicus erzogen wird, ist zum Vertrauen unfähig. Entsprechend wird in der Marktwirtschaft der freie Wettbewerb der Kooperation vorgezogen, ebenso wie das Privatwesen dem Gemeinwesen. Doch wie ist ein friedliches Zusammenleben in einer Gesellschaft möglich, die aus egoistischen Individuen besteht? Die Antwort lautet: Indem Wirtschaftswachstum stattfindet und dadurch alle egoistischen Bedürfnisse befriedigt werden, so der englische Philosoph John Locke. […]

© Dr. Davide Brocchi – Köln, 21.5.2026. Dieser Text ist ein Auszug aus dem Beitrag »Leviathan, Homo Oeconomicus und Auswege aus der Polykrise«, erschienen 2026 in dem Band »Wege zum Frieden«, herausgegeben von Josef Mühlbauer und Klaus Moegling, im Verlag Westfälisches Dampfboot (S. 348–355).


Bild: »Leviathan«, aus dem gleichnamigen Werk von Thomas Hobbes (1651)

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