Zum guten Leben in Berlin

Wie würden unsere Städte aussehen, wenn sie von den Bürger/innen selbst gestaltet und regiert werden würden? Wenn diese Idee nicht an 365 Tagen im Jahr in einer ganzen Stadt verwirklicht werden kann, könnten wir mit einem Tag pro Jahr in einem Quartier beginnen. Das ist die Kernidee vom „Tag des guten Lebens“.

Dieses Konzept wird seit 2012 in Köln erfolgreich umgesetzt und wurde 2017 mit dem Ersten Deutschen Nachbarschaftspreis der nebenan.de Stiftung ausgezeichnet, unter 1.300 Bewerbern. Der „Tag des guten Lebens“ ist kein Event, sondern dient als Katalysator in einer schrittweisen Transformation der Stadt in Richtung Nachhaltigkeit. Hier bedeutet Nachhaltigkeit keinen Zusatz an Fremdbestimmung, sondern die Chance der stärkeren Selbstbestimmung und -verwaltung von Quartieren. Sie werden nämlich als Gemeingut betrachtet („unser Kiez“, „unser Veedel“) und entsprechend behandelt. Am „Tag des guten Lebens“ sind alle Straßen in einem ganzen Quartier autofrei und werden in einen Freiraum und Gemeinschaftsraum für die Anwohnerschaft umgewandelt. Jede Straßennachbarschaft darf auf der eigenen autofreien Straße eigene Konzepte des „guten Lebens“ umsetzen und erlebbar machen. Diese Konzepte werden in den Monaten davor unter Nachbar/innen diskutiert und erarbeitet: Wie wollen wir zusammen leben, in der Vielfalt der Generationen oder der Kulturen? Welche Mobilität wollen wir im Kiez? Wie können wir die soziale Mischung im Kiez schützen und fördern? Was ist mit dem Klima? Wo sind Freiräume für die Kinder?

Alle Aktionen dürfen am „Tag des guten Lebens“ nur unter der Bedingung stattfinden, dass nichts verkauft und nichts gekauft werden darf, sondern nur geschenkt und geteilt. Auf dieser Art und Weise wird eine Atmosphäre des Vertrauens in der Nachbarschaft gefördert. Wenn die Finanzkrise und die Krise der Demokratie Ausdruck einer tiefen Vertrauenskrise in unserer Gesellschaft sind, dann müssen der Markt und die Demokratie im Lokalen neu gegründet werden, dort wo Menschen persönlich miteinander im Alltag interagieren und sich Vertrauen wieder bilden kann. Menschen, die sich vertrauen, können auch mehr miteinander teilen: die Bohrmaschine, das Auto, die Verantwortung oder die Solidarität.

Jeder „Tag des guten Lebens“ hat auch einen Themenschwerpunkt, der mit den Sorgen der Bürger/innen korrespondiert: Es kann das Thema Mobilität oder Gentrifizierung sein. Durch den Tag als Höhepunkt einer stadtübergreifenden Kampagne können gemeinsame Forderungen in der Öffentlichkeit bekräftigt werden.
In Berlin sollte der erste „Tag des guten Lebens“ an einem Sonntag im Mai/Juni 2020 stattfinden – und zwar in drei Kiezen gleichzeitig. In dem Brüsseler Kiez (Wedding) und im Körnerkiez (Neukölln) haben sich bereits bürgerschaftliche Plattformen für das Vorhaben gebildet. Der dritte Kiez im Osten könnte in Lichtenberg liegen.

Teile der Bezirksverwaltungen haben bereits großes Interesse für das Vorhaben signalisiert. 33 Organisationen wollen die Initiative gemeinsam mittragen: autofrei leben! e.V., ATZE-Musiktheater, Berlin 21 e.V., Beuth-Hochschule, Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V., Evangelische Kapernaumgemeinde, Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, Stiftung Futurzwei, Bundesverband Verkehrsclub Deutschland (u.a.).

Als Initiator und Projektentwickler des Kölner „Tags des guten Lebens“ bemühe ich mich seit 2016 an einer Übertragung des Impuls und des Wissens auf die Bundeshauptstadt. Ein solcher Transformationsprozess bietet die Chance, eine Verkehrswende in den Quartieren einzuleiten, die Nachbarschaftsstrukturen und die Bürgerbeteiligung zu stärken, mehr Räume für die Kreativität und das Gemeinschaftsleben zu schaffen.

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Unterstützende Organisationen:

    1. AmMa65 e.V., Berlin (www.amma65.de)
    2. Anti-Kriegs-Museum, Berlin-Wedding (www.anti-kriegs-museum.de)
    3. ATZE-Musiktheater GmbH, Berlin-Wedding (www.atzeberlin.de)
    4. autofrei leben! e.V., Berlin (www.autofrei.de)
    5. Berlin 21 (www.berlin21.net)
    6. Beuth-Hochschule für Technik, Berlin-Wedding (www.beuth-hochschule.de)
    7. Bürgerinitiative Brüsseler Kiez, Berlin-Wedding (www.buergerinitiative-bruesseler-kiez.de)
    8. Bürgerinitiative „Gethsemaneplatz“, Berlin (www.gethsemaneplatz.de)
    9. Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V., Berlin (www.soziokultur.de)
    10. Common Future e.V., Göttingen
    11. Ecapio, Göttingen (http://ecapio.org)
    12. Ecosign / Akademie für Gestaltung, Köln (www.ecosign.de)
    13. Ev. Kapernaumgemeinde, Berlin (www.kapernaum-berlin.de)
    14. Fairleihen, Berlin (https://berlin.fairleihen.de)
    15. Food-Coop Wedding-West (https://fcweddingwest.wordpress.com)
    16. Förderverein Brüsseler Kiez e.V., Berlin-Wedding (http://kiezmacher.blogspot.de)
    17. Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit, Berlin (www.futurzwei.org)
    18. Genug.org, Berlin-Neukölln (www.genug.org)
    19. Gesundheitsakademie für sozialökologische Gesundheitspolitik und Lebenskultur e.V., Berlin/Bielefeld
    20. Grupo Sal, Tübingen (www.grupo-sal.de)
    21. Himmelbeet, Wedding (http://himmelbeet.de)
    22. I.L.A. – Kollektiv, Göttingen (https://aufkostenanderer.org)
    23. Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, Berlin (www.ioew.de)
    24. Inter3 – Institut für Ressourcenmanagement, Berlin (www.inter3.de)
    25. Kinderkunstwerkstatt Seepferdchen e.V., Berlin-Wedding (www.seepferdchen-berlin.de)
    26. Lebensplan, Berlin (www.lebensplan.com)
    27. Oya-Magazin, Klein Jasedow (www.oya-online.de)
    28. transform – Magazine für das Gute Leben, Leipzig (www.transform-magazin.de)
    29. und.Institut für Kunst, Kultur und Zukunftsfähigkeit e.V., Berlin (https://und-institut.de)
    30. die Urbanisten e.V., Dortmund (https://dieurbanisten.de)
    31. Verkehrsclub Deutschland (VCD) Nordost, Landesverband für Berlin und Mecklenburg-Vorpommern (www.vcd-nordost.de)
    32. WeddingWandler, Berlin (http://weddingwandler.de)
    33. weddingweiser.de, Berlin (https://weddingweiser.de)

     


    Foto: Brüsseler Kiez, Wedding (Quelle Wikipedia)

3 Antworten
  1. Andrea Steckert says:

    Lieber Davide Brocchi,
    sehr spannend! Ich würde gern das Langkonzept lesen. Diese PDF scheint jedoch beschädigt?
    Das Kurzkonzept funktioniert.

    Viele Grüße aus Hannover,
    Andrea Steckert

  2. Davide says:

    Hallo Andrea, danke! Schicke mir bitte eine Email, dann maile ich dir das Konzept… Danke für den Hinweis, ich versuche den Fehler zu korrigieren… Beste Grüße Davide

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