Studie „Große Transformation im Quartier“ veröffentlicht

Wo kann heute die ‚Große Transformation‘ (WBGU 2011) am besten ansetzen? Der Nachhaltigkeitsprozess ist bisher wie der Prozess der Globalisierung vorangetrieben worden: vor allem zentralistisch, vom Globalen zum Lokalen, top-down. Diese Form politischer Steuerung ist jedoch nicht nur ein Teil der Lösung, sondern auch ein Teil des Problems. So wie die neoliberale Globalisierung letztendlich zu einer verheerenden Finanzkrise geführt hat, so klaffen die deklarierten Nachhaltigkeitsziele und die reale gesellschaftliche Entwicklung bei wesentlichen Indikatoren weiter auseinander. Der internationale Nachhaltigkeitsprozess kommt kaum voran. Deshalb hat sich in den letzten Jahren eine Wende in der deutschsprachigen Transformationsdebatte vollzogen. In den Fokus rücken nun polyzentrische Ansätze, Bottom-up-Strategien, die auf Transformation eher vom Lokalen zum Globalen hin setzen. Sie bilden den Ausgangspunkt einer Studie, die ich im Auftrag des Forschungsinstituts für gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW), Düsseldorf, durchgeführt habe. Anhand von konkreten Fallbeispielen untersucht sie die Frage, wie die Transformation in Richtung Nachhaltigkeit partizipativ, durch die Bürger/innen selbst, im Lokalen initiiert und gestaltet wird. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltversänderungen (WBGU) stellt die Frage so: „Wie können Menschen auf dynamische Urbanisierungsprozesse Einfluss nehmen bzw. an ihnen teilhaben, wenn viele urbane Räume in kurzer Zeit tief greifende Veränderungen durchlaufen oder vollständig neu aufgebaut werden?“ (WBGU 2016)

Da eine einzige Studie der Komplexität des Themas kaum gerecht werden kann, konzentriert sich die Arbeit auf urbane Quartiere und dort auf die partizipative Gestaltung von Transformationsprozessen durch bürgerschaftliche Initiativen.

Um die Studie zu verfassen habe ich die Vertreter/innen folgender Initiativen interviewt:

  • Aufbruch am Arrenberg, Wuppertal
  • Bürgerinitiative Helios, Köln
  • Bürgerinitiative Viva Viktoria!, Bonn
  • Jack in the Box, Köln
  • Utopiastadt, Wuppertal

Zusätzlich bezieht sich die Studie auch auf den „Tag des guten Lebens“ in Köln.

Struktur der Studie

Im ersten Teil der Studie werden der theoretische Orientierungsrahmen vertieft und weitere relevante Hintergründe zur urbanen Transformation, Demokratie und Partizipation sowie zu Raum und Quartier erläutert:

  • Warum sind besonders Quartiere geeignete Orte und Treiber der großen Transformation?
  • Viele der Probleme, die durch die große Transformation überwunden werden sollen, sind Probleme der Demokratie – und erfordern eine Lösung auf dieser Ebene. Was sind die Ursprünge der heutigen Krise der Demokratie? Was macht eine starke Demokratie aus?
  • Das Raumverständnis der Institutionen stimmt oft nicht mit jenem der Anwohner/innen überein. Wie wird der Quartierbegriff in dieser Studie aufgefasst?

Im zweiten Teil werden sechs Quartiersinitiativen in Bonn, Köln und Wuppertal charakterisiert und verglichen. Beim Vergleich geht es um den räumlichen Kontext (Stadt und Quartier), um die Persönlichkeiten hinter den Initiativen, um die Ziele und die Motivationen, die Strategien, die Partizipation und die Organisationsformen, die Ökonomie und das Verhältnis zu Institutionen und Investoren sowie die transformative Wirksamkeit der Initiativen. Folgende Fragestellungen werden behandelt:

  • Wie beeinflusst der räumliche Kontext das Handeln der Initiativen? Denn gerade bürgerschaftliche Initiativen im Quartier zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, ihr Selbstverständnis und ihr Handeln auf die Eigenart des Lokalen einzustimmen. Anders ausgedrückt: Ein wichtiger Grund ihrer Entstehung liegt oft in der Unfähigkeit der übergeordneten gesellschaftlichen Institutionen oder von internationalen Immobilieninvestoren, diese Eigenart wahrzunehmen und adäquat zu behandeln.
  • Wie werden die Ziele der großen Transformation auf die lokale Ebene von den partizipationsorientierten Initiativen im Quartier heruntergebrochen bzw. in diese übersetzt? In welchem Verhältnis stehen die expliziten Ziele der Initiativen zu den persönlichen Motivationen der Teilnehmer/innen? An welchen Stellen klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander?
  • Wer nimmt an den Aktivitäten der Initiativen teil? Inwiefern bilden die Initiativen die Heterogenität der Bevölkerung in den Quartieren ab? Mit welchen Organisationsformen wird diese Vielfalt zu einer Einheit gemacht? Wie werden Entscheidungen in den Initiativen getroffen und wie gehen sie mit Konflikten um? Welche Formen der Demokratie und der Legitimation werden in den Initiativen praktiziert und weiterentwickelt?
  • Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen Initiativen, die eine Transformation im Quartier verfolgen, mit Instititutionen aus Politik und Wirtschaft, die in den Quartieren eine Macht ausüben oder ausüben wollen?
  • Welche Infrastruktur und welche Ressourcen benötigen die Initiativen und wie beschaffen sie sich diese?

Dort, wo ‚das Gute im Falschen‘ entstehen soll, sind Spannungsfelder, Widersprüche und Ambivalenzen fast unvermeidbar. Gerade hier entfalten die bürgerschaftlichen Initiativen ihr Potential als Reallabore der Transformation. Weil es keinen Königsweg für die große Transformation gibt, sollte sie als Lernprozess verstanden werden.

Alle Initiativen müssen sich in ihrer Entwicklung mit ähnlichen Fragen auseinandersetzen, die keine eindeutige Antwort zulassen. Drei der wichtigsten Spannungsfelder und mögliche Handlungsstrategien werden im dritten Teil umrissen:

  • Wie kann die Partizipation als Möglichkeit der Selbstregierung bzw. des ‚self-developments mit einer ‚Entwicklung‘ (‚Quartiersentwicklung‘ inbegriffen) vereinbart werden, die den Bürger_innen normative Modelle und Ziele vorgibt (mal Nachhaltigkeit, mal Klimaschutz…)?
  • Inwiefern sind die Quartiersinitiativen Reallabors einer starken Demokratie? Schaffen die Initiativen im Quartier es, die Selbstreferentialität von Diskursen wie Nachhaltigkeit oder die Exklusivität von gesellschaftlichen Subsystemen (Wissenschaft, Umweltbewegung, Nachbarschaft…) zu durchbrechen? Welche Rolle spielt Inklusion bei den untersuchten Initiativen?
  • Wie beeinflusst die Frage der Ressourcen das Verhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei partizipationsorientierten Initiativen? Es ist der Mangel an Ressourcen, der oft partizipationsorientierte Initiativen zum Pragmatismus zwingt. Besondere Aufmerksamkeit gilt in der Studie die Frage, wie sich ökonomisches und soziales Kapital im Kontext von Initiativen zueinander verhalten. Sozialkapital ist einerseits die zentrale Ressource der Initiativen. Durch den Einsatz dieser Ressource können sie die Knappheit von Zeit, Geld oder Raum überwinden. Da, wo Menschen miteinander teilen, benötigen sie weniger Geld. Doch was passiert, wenn Initiativen trotzdem finanzielle Mittel benötigen? Sobald Geld ins Spiel kommt, ändern sich oft die Motivation und das Verhältnis unter den Beteiligten.

Im Fazit werden die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst und wichtige Handlungsempfehlungen abgeleitet.

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