Dieser Vortrag wurde am 09.03.2020 beim 1. Kulturforum Rhein-Lahn in Bad Ems gehalten. Er behandelt die Ziele, die Aufgaben und Organisationsformen von Kulturregionen. Der Fokus liegt auf dem Oberen Mittelrheintal.

Mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich in Großstädten verbracht: Bologna, Düsseldorf, Köln… In Berlin habe ich Transformationsprozesse in drei Quartieren begleitet. Aber aufgewachsen bin ich in einer ländlichen Region, so ländlich wie das Obere Mittelrheintal. Jene 20 Jahre auf dem Land in Italien haben mich stark geprägt. In meinem Dorf habe ich damals die Vorteile einer starken Nachbarschaft erlebt. Geld gab es nicht viel, aber die Menschen haben viel miteinander geteilt – nicht nur Werkzeuge, sondern auch Solidarität. Ich habe eine Form von lokaler Ökonomie erfahren, die ohne Geld auskommt und auf Vertrauen basiert. Die Nahrungsmittel kamen nicht aus fernen Kontinenten in Plastik verpackt, sondern frisch aus der Nachbarschaft oder aus Eigenproduktion. Ich habe erlebt, dass wenn sich Produzenten, Händler und Konsumenten persönlich kennen, dann fairer gewirtschaftet wird. Meine Großeltern waren Bauern, sie haben nur die Grundschule besuchen dürfen, sie kannten das Wort Nachhaltigkeit nicht einmal, aber sie verfügten über ein unschätzbares Wissen. Sie wussten wie eine Landwirtschaft ohne Chemie geht, wie man Dinge repariert, statt sie wegzuwerfen. Das war für sie Normalität seit Generationen.

Und dann kamen die Industrialisierung, die Modernisierung und die Globalisierung, das, was wir Fortschritt nennen. Ich habe sehr früh auch die Schattenseiten dieser Entwicklung erfahren. Damit kamen nicht nur Umweltprobleme, sondern auch eine soziale Vereinzelung.
Auch im Oberen Mittelrheintal haben sich die Lebensverhältnisse in den letzten 50 Jahren stark verändert. Was haben die Modernisierung und die Industrialisierung mit dieser Region gemacht? Wurden die Menschen in dieser Region je eingeladen, darüber zu diskutieren, wie sie leben und wirtschaften wollen?

Ich sehe im Kulturbereich den Raum, um gesellschaftliche Entwicklungen zu reflektieren. Der Kulturraum bietet eine Offenheit und eine Freiheit, die sonst selten geworden ist. Weil die Politik immer mehr zur Verwaltung (der Knappheit) verkommt, ist sie immer weniger der Raum, wo Bürger*innen große Fragen behandeln dürfen.

Nachhaltigkeit

Mehr denn je müssen wir uns heute mit Alternativen zu der dominanten Entwicklung auseinandersetzen. Der Dachbegriff für diese Debatte ist für mich Nachhaltigkeit, damit beschäftige ich mich schon lange.

  • Ich definiere Nachhaltigkeit einerseits als Notwendigkeit: Sie meint Resilienz und Lernfähigkeit, um Krisen vorzubeugen oder zu überwinden, die unsere Existenz und ein friedliches Zusammenleben gefährden. Dazu gehört heute nicht nur die Klimakrise, sondern auch die Gefahr einer weiteren Wirtschaftskrise und zunehmende Polarisierungen in der Gesellschaft. Wie wollen sich die Regionen auf solche Krisenszenarien vorbereiten, reagieren und die eigene Widerstandsfähigkeit stärken?
  • Andererseits ist Nachhaltigkeit eine Chance. Sie stellt nämlich die Frage des guten Lebens: Was kann ein gutes Leben in dieser Region sein, ein gutes Leben für all ihre Bewohner*innen? Welche Politik und Ökonomie braucht das gute Leben? Tragen Wirtschaftswachstum und Privatisierungen immer dazu bei? Auch die Flüchtlinge am Mittelmeer zeigen uns, dass wir zu lange auf Kosten anderer gelebt haben.

Ich verstehe die Transformation zur Nachhaltigkeit als Lernprozess. Und wir stehen vor einem gewaltigen Lernprozess, der überall stattfinden muss, nicht nur in Schulen. Kultur ist der Raum, in dem individuelle und kollektive Lernprozesse gefördert werden. Lernprozesse werden verhindert, wenn man an Glaubenssätzen, Dogmen und Mythen festhält. Gerade in der Kunst gelten keine „Selbstverständlichkeiten“ und „Normalitäten“, deshalb ist sie das ideale Reallabor, um neue Möglichkeiten für die Entwicklung der Region zu erproben.

Zu viele wichtige Entscheidungen werden in unserer Gesellschaft innerhalb einer „Blase“ getroffen; die Menschen bleiben meistens „unter sich“. Eine wichtige Aufgabe von Kulturarbeit besteht darin, Risse durch die sichtbaren und unsichtbaren „Mauern“ zu schaffen, so dass eine Kommunikation und Auseinandersetzung mit fremden Perspektiven stattfinden kann, jenseits der Blasen. Kulturarbeit macht den Perspektivenwechsel möglich. Wir brauchen einen interkulturellen und intrakulturellen Dialog auch in den Regionen. Um wirklich voneinander zu lernen, ist die Augenhöhe jedoch entscheidend.

Für mich sind Entscheidungen (in der Politik, in Unternehmen….) umso nachhaltiger, je breiter die Wahrnehmungshorizonte sind, in denen sie getroffen werden.

Studie zum Oberen Mittelrheintal (2019)

2019 habe ich eine Studie über die Region Oberes Mittelrheintal durchgeführt. Sie hat sich aus einer Zusammenarbeit mit dem Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal ergeben und ist öffentlich zugänglich.

Es geht bei dieser Studie darum eine kulturpolitische Vision für die Entwicklung der Region und des Kulturbereichs zu entwickeln. Für diese Studie habe ich 16 Personen interviewt. Mir war es wichtig, die Perspektive der Menschen einzubeziehen, die im Alltag Kultur machen und Kultur in der Region leben. Ich habe so auch Menschen zu Wort kommen lassen, die sich sonst als „Kulturlaien“ bezeichnen: Neben Künstler*innen, Schauspieler*innen und Leiter von Kultureinrichtungen auch ein Winzer, ein Bürgermeister und ein Hotelier, denn auch sie machen Kultur. Gerade die Winzer pflegen eine intensive Beziehung mit der Region und zeigen, dass Tradition nicht mit Rückständigkeit gleichgesetzt werden darf. Winzer zeigen, wie sehr Kultur und Natur zusammenhängen.

Wie andere ländliche Regionen bundesweit leidet auch das Obere Mittelrheintal seit Jahrzehnten unter einem Rückgang und einer Überalterung der Bevölkerung. Gemeinden wie Kaub haben die Hälfte ihrer Einwohner verloren. In den 1980ern Jahren verbrachten viele Kegelklubs aus dem Ruhgebiet ihre Wochenenden am Rhein. In Sankt Goarshausen gab es 40 Kneipen, davon sind heute fünf oder sechs übriggeblieben. Der Tourismus hat sich eben internationalisiert, für wenig Geld kann man heute nach Mallorca oder Kroatien fliegen. Die Region am Rhein gehörte bisher zu den Verlierern dieser Entwicklung.

In ländlichen Regionen leidet auch die kulturelle Infrastruktur und das kulturelle Angebot an chronischer Schwäche. Drei Gründe:

(a) Die öffentliche Kulturförderung findet in Deutschland vor allem über die Kommunen statt. Obwohl sie den Bürger*innen näher sind, bilden die Kommunen das unterste, also schwächste Glied der institutionellen Hierarchie. In Ländern wie die Schweiz ist es anders, da sind gerade die lokalen Institutionen das erste Glied der Hierarchie. Die Bürger*innen zahlen ihre Steuern an Ortsteile und Kommunen, nicht an den Bund.

(b) In Deutschland fließt ein übermäßiger Teil der Kulturförderung in die Großstädte. Sie sind die „Zentren der Modernisierung“, während ländliche Regionen als „rückständige Peripherie“ gelten. Hier werden die „Zentren“, die „Spitzen“, die „Eliteuniversitäten“ am stärksten staatlich gefördert. In Finnland ist es umgekehrt, da bekommen die Schwächsten die stärkste Förderung, weil man alle mitnehmen möchte. Der Staat ist für einen Ausgleich zuständig, dort wo die Gesellschaft sonst droht, auseinanderzuklaffen.

(c) Gerade in benachteiligten Regionen herrscht das Motto „erst das Brot, dann die Kultur“. „Wofür brauchen wir Kultur und Kunst, wenn wir hier keine Arbeit haben?“ „Kunst ist für jene, die keine anderen Sorgen haben“. In der Agenda von armen Gemeinden kommt die Kultur und die Kunst entsprechend ganz am Ende. Man hat die soziale Ungleichheit verinnerlicht, indem man selbst Kultur auf „Hochkultur“ reduziert und sich den Status als Kulturwesen abspricht.

Um die kulturelle Infrastruktur von ländlichen Regionen zu stärken, hat die Kulturstiftung des Bundes ein Programm gestartet: TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel. Eine zentrale Säule des Programms stellt die Bildung neuer Allianzen in der Region. Auch der Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal wollte sich für diese Förderung bewerben und damit eine Art regionales Kulturamt einrichten. Meine Studie sollte diese Bewerbung stützen. Leider hat sich am Ende herausgestellt, dass das Obere Mittelrheintal am TRAFO-Wettbewerb aus formellen Gründen nicht teilnehmen durfte.

Kulturregion = doppelte Perspektive

Wenn von Kulturregionen die Rede ist, dann gilt für mich eine doppelte Perspektive. Sie kommt im Titel meiner Studie zum Ausdruck:

  1. Wandel durch Kultur = Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik. Kultur meint eine besondere Betrachtung der regionalen Entwicklung, eine Dimension der Entwicklung. Einerseits geht es um die Frage, wie regionale Entwicklung durch Kulturakteure reflektiert und mitgestaltet werden kann. Andererseits geht es um die regionale Entwicklung als Kultur ist der Bauplan der Gesellschaft. Kultur ist die Art und Weise, wie Entscheidungsträger denken und gebildet werden. Kultur findet auch in den Supermärkten statt. Ist diese Kultur zukunftsfähig oder brauchen wir einen kulturellen Wandel?
  2. Kultur im Wandel = Kulturpolitik als Spartenpolitik. Der Fokus liegt hier auf Kultur als Bereich neben anderen. Welchen Stellenwert hat er in der Region? Welche kulturelle Infrastruktur braucht es? Es geht um die Frage, wer Kultur in der Region ist und was Kultur in der Region macht.

Kulturregion: quo vadis?

In meiner Studie habe ich ein Spannungsfeld zwischen zwei Tendenzen in der Vorstellung der Entwicklung der Kulturregion festgestellt:

  1. Entwicklungspfad: Modernisierung der Region/Globalisierung
  • Die Region ist eine Marke (s. Dreiklang Rhein-Romantik-Riesling), eine Ware (Schlösser, Wein…) und ein Standort im Wettbewerb, der sich entsprechend profilieren möchte und muss. Es kommen mehr Gäste in die Hotels, wenn die Region weltweit gut vermarktet wird.
  • Der Fokus richtet sich nach außen, zum Weltmarkt; zu einem Wettbewerb nach oben. Es wird nach dem Prinzip der Rentabilität priorisiert: „Was lohnt sich? Was kostet weniger? Was nutzt mehr? Die Region braucht Wirtschaftswachstum!“
  • Dabei wird Kultur „funktionalisiert“. Kultur dient zum Beispiel dem Tourismus. Wenn Kultur schwarze Zahlen schreiben soll, dann lässt sich das durch leichte Unterhaltung am besten erreichen. Kultur braucht man aber auch als Statussymbol, um sich von der Masse abzugrenzen. Exklusive Kulturveranstaltungen dienen den „Public Relations“. Die Modernisierung führt zu einer kulturellen Entwurzelung der Lebensweise und der Ökonomie in der Regionen. Die globalisierte Architektur aus Beton und Stahl ersetzt immer mehr die traditionelle. Die Orte sehen immer ähnlicher aus, sie sind austauschbar, ohne Identität.

Paradoxerweise orientieren sich auch ländliche Regionen an diesem Entwicklungsmodell, selbst wenn es sie bisher zu Verlierern gemacht hat. Probleme kann man jedoch nicht mit der gleichen Denke lösen, die sie verursacht hat (Albert Einstein). Warum so viele Ressourcen für den Standortwettbewerb nach oben/nach außen verschwenden, wenn man auch neue Kooperationsformen in der Region für die Region fördern kann?

  1. Entwicklungspfad: Regionale Selbstentwicklung (self-reliance)
  • Hier ist die Region ein Gemeingut. Die Region ist eine vielfältige Gemeinschaft von Menschen, die einen ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturhistorischen Lebensraum miteinander teilt und verwaltet, auch anhand von demokratisch legitimierten Institutionen.
  • Der Fokus liegt auf der regionalen Identität, auf der Kooperation in der Region. Was macht ein gutes Leben in der Region aus? Es geht um mehr „Ökonomie der Nähe“, um ein neues Gleichgewicht zwischen Fremdversorgung und Selbstversorgung.
  • Die Kultur ist hier die Agora, das heißt der Raum, wo die Bürger*innen die gemeinsame Entwicklung und das Zusammenleben diskutieren. Auf der Agora wird der Zusammenhalt gepflegt. Auch Theater und Museen können als Agora dienen. Die Kultur ist der Freiraum, den die Vielfalt und die kreative Selbstentfaltung der Menschen benötigt. Die Vielfalt ist nicht nur jene der Migranten, denn ein Stück Andersartigkeit steckt in jedem von uns.

Kultur ist natürlich auch die Geschichte, das kollektive Gedächtnis der Region. Am Oberen Mittelrheintal gehört der Fluss dazu, als Grenze zwischen Römern und „Barbaren“, aber auch als Brücke zwischen Kulturen. Hier gehört die Rheinromantik dazu. Am Rhein wollten die Künstler damals eine Schönheit festhalten, die angesichts der beginnenden Industrialisierung dabei war, für immer verloren zu gehen.

Zur Geschichte dieser Region gehören aber auch die Verfolgung der Juden und der Nationalsozialismus. Jeder weiß wie wichtig es heute ist, die Lehren dieser Geschichte lebendig zu halten. Seit vier Jahrzehnten machen die Bürger*innen in Bacharach eine bemerkenswerte Arbeit für die Toleranz. Sie haben die Wernerkapelle gerettet. Das Festival „An den Ufern der Poesie“ ist ein Festival der Toleranz.

Welche Richtung möchte also die Kulturregion Oberes Mittelrheintal zwischen diesen Entwicklungspfaden einschlagen? Das ist eine wichtige Diskussion, die ich mit meiner Studie anregen möchte.

Wie wird eine Region zur Kulturregion, wer macht die Kulturregion für wen…

Diese Frage lässt sich am Oberen Mittelrheintal leicht beantworten.

  • Die Auszeichnung als UNESCO-Welterbe lieferte 2002 den Anlass.
  • Die Institutionalisierung der Region erfolgte durch die Gründung des Zweckbands Welterbe Oberes Mittelrheintal.

Mein Eindruck ist, dass diese Region eine künstliche Region geblieben ist, die als solche im Alltag nicht wirklich gelebt wird und kaum Identifikation entfaltet, vielleicht mit Ausnahme der Tourismusbranche und des Weinbaus. Warum ist dies so?

  • Diese Region ist top-down entstanden, durch einen Prozess von oben nach unten. Menschen identifizieren sich aber vor allem mit selbstgestalteten Dingen. Bürger*innen partizipieren vor allem dann, wenn sie mitgestalten dürfen. Eine Partizipation als Unterstützung von Entscheidungen, die andere schon getroffen haben, kann nur eine scheinbare sein.
  • Die Region leidet unter einer starken institutionellen Parzellierung. Ihre Verwaltung obliegt zwei Landesregierungen, fünf Landeskreisen, 42 Ortsgemeinden und Städten. Sie ziehen nicht unbedingt an einem Strang. Weil jede Entscheidung des Zweckbands die Zustimmung aller Mitglieder braucht, hat er kaum Handlungsspielraum.
  • Der Rhein ist ein großes Hindernis. Es sind nur 400 Meter von Ufer zu Ufer, aber sie spalten die Region und erschweren den Austausch. Um es klar zu stellen, ich befürworte andere Lösungen als eine weitere Brücke für Autos.
  • Die Rheinromantik wird von einem Teil der Bevölkerung als abgehoben empfunden.

Eine Strategie für die Kulturregion…

Es kann keine regionale Vernetzung stattfinden, wenn sich Menschen mit der Region nicht identifizieren. Wenn sie die Region nicht als „eigen“ erleben. Ich habe in der Studie ein Maßnahmenpool für das Obere Mittelrheintal vorgeschlagen.

  1. Ein Leitbild für die Kulturregion, das möglichst breit und partizipativ diskutiert und erarbeitet wird. „Wie wollen wir zusammenleben? Wie wollen wir uns entwickeln? Wie wollen wir bauen? Welchen Teil unserer Geschichte wollen wir lebendig halten? Welches Verhältnis wollen wir zu unserer Natur? Wie wollen wir uns regieren? Wie wollen wir die Traditionen pflegen? Usw.“ Das Selbstverständnis der Region muss mehr sein als die Rheinromantik, diese sollte weitergedacht werden und keine reine Reproduktion der Vergangenheit sein. Das Leitbild sollte als demokratische Grundverfassung der Kulturregion dienen.
  2. Bildung eines regionalen Kulturparlaments. Das ist eine Mischung zwischen dem Kulturrat und dem regionalen Parlament, das ich in meiner Studie vorschlage. Diese Institution sollte nicht nur eine konsultative Aufgabe haben, sondern bewegen, Kultureinrichtungen verwalten, über die Verteilung von Finanzmitteln entscheiden. Dafür bedarf es auch einer Anerkennung durch die anderen Institutionen in der Region, die ein Teil ihrer Macht abgeben. Ich verwende bewusst den Begriff „Parlament“, einerseits um die Notwendigkeit der demokratischen Verankerung der Kulturregion zu unterstreichen, als Voraussetzung einer breiten Partizipation und der Identifikation. Andererseits um bewusst zu machen, dass Kultur und Kunst andere Formen der Governance benötigen, um sich entfalten zu können.
  3. Die Einführung eines regionalen Kulturpasses für Tourist*innen. Touristen bekommen einen Pass und zahlen dafür einen bestimmten Betrag. Damit sind sie „Bürger der Region auf Zeit“. Der Pass kann für einen Tag oder eine Woche gelten – oder thematisch sein: die Weinroute, die Kunstroute, die Romantikroute, die Naturroute.
  4. Jährliche Ausrufung der regionalen Kulturhauptstadt, nach dem Vorbild der Europäischen Kulturhauptstadt. Eine Gemeinde wird dann zum Treffpunkt für die ganze Region. Sie bietet den Raum für die Debatten, die Kultur der Region zeigt sich dann vor allem in einer Gemeinde.
  5. Umwandlung von Brachflächen und Leerstand in Gemeingut und Kulturraum. Raum ist der große Vorteil von ländlichen Regionen im Vergleich zu Großstädten. Man sollte dies zur Geltung bringen, nicht indem die öffentliche Hand oder die Investoren bestimmen, was damit passiert, sondern indem diese Räume von den Bürger*innen selbst, von den Nachbarschaften, von der Jugend, von Kulturschaffenden… gestaltet und verwaltet werden dürfen – im Rahmen einer Vereinbarung mit den Institutionen. So könnten nachbarschaftliche Wohnzimmer, Reparaturcafes, Jugendklubs, neue Wohnmodelle entstehen. Das Kulturparlament könnte Freiräume mit Stipendien verbinden, so dass hier innovative Ideen verwirklicht werden können.
  6. Ein Kulturmedium für die Region.
  7. Regionale Mobilitätswende und ein starkes ÖPNV-Netz. Die Rheinfähren gehören in die öffentliche Hand.
  8. Regionalwährung, um regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken. Wochenmärkte wiederbeleben statt noch mehr REWEs.
  9. Ein neues Verhältnis zwischen Stadt und Land. Bildung von Partnerschaften zwischen urbanen Quartieren und ländlichen Gemeinden.

Zur Organisation und Finanzierung…

Neben einem regionalen Kulturparlament braucht es eine Stelle, die die operativen und administrativen Aufgaben übernimmt und umsetzt. Ich nenne es „regionales Kulturamt“. Hier kann ein Kulturfond sitzen, diese Stelle sollte die Anlaufstelle für Kulturschaffende und Kulturvermittler sein. Es braucht eine Terminkoordination im regionalen Kulturangebot, es können Synergien gefördert werden. Projektideen können hier ermöglicht bzw. unterstützt werden.

Schließlich geht es um die Vernetzung der Kulturakteure, die sich in Arbeitsgruppen, in Projektgruppen oder in Ortsgruppen zusammenschließen können – und im Parlament ein gemeinsames vertretendes Organ haben.

Wie könnte die Kulturregion ihre Aktivitäten finanzieren?

  • In der Region sitzen auch große erfolgreiche Unternehmen, sie können sich an einem Fond beteiligen. So wie die Winzer und die Hoteliers.
  • Durch den regionalen Kulturpass.
  • Durch Stiftungen und Kulturprogramme.
  • Durch eine Regionalwährung.
  • Indem das Kulturparlament das Kulturprogramm zur BUGA konzipiert und umsetzt.
  • Indem ein Teil der öffentlichen Kulturausgaben für die Region dem Kulturparlament unterstellt wird.

Zusammensetzung (Parlament & Netzwerk)

  • Klassische Kunstsparten (Musik, Literatur…);
  • Regionale Identität (Kulturerbe, Handwerk, Architektur, Kulinarik, traditionelle Landwirtschaft, kollektives Gedächtnis, Rituale…);
  • Vielfalt (Religionen, Subkulturen, Jugendkulturen, Migrantenkulturen, Eine-Welt-Initiativen…);
  • Soziokultur, Breitenkultur, Nachbarschaft;
  • Bildung, Wissenschaft, Medien;
  • Wirtschaft (Tourismus, Kreativwirtschaft, Forstwirtschaft…);
  • Naturerbe (Klima, Umwelt, künftige Generationen…);
  •  Politik.

Nachhaltige Kommunikation & Organisation (u. a.)

  • Sorgfältige Vorbereitung der ersten Schritte, weil der erste Eindruck in einer „Begegnung“ den weiteren Prozess enorm vereinfachen oder erschweren kann.
  • Vertrauen und Wertschätzung (persönliche Gespräche, Transparenz, Spielregeln, Emo-Elemente neben Ratio…).
  • Vielfalt, Gleichberechtigung und Augenhöhe (auf Mischung der Geschlechter, Generationen, Milieus… achten; Vielfalt lässt sich am besten durch Vielfalt ansprechen).
  • Netzwerke brauchen gemeinsame „Spielwiesen“ (gestalten), eine inklusive Moderation, Brückenbauer…
  • Organisationsprinzip Wohngemeinschaft (Konsens und Freiheit, Zusammenarbeit und Eigenständigkeit).
  • Wenn Selektion, dann Legitimation.
  • Verantwortung wird immer von mehreren Personen geteilt.

Zum Schluss…

Eine nachhaltige Kulturpolitik behandelt die Bürger*innen nicht als Kulturkonsumenten, sondern als kreative Wesen (Josef Beuys). In dieser Region bin ich Menschen begegnet, mit einer unglaublichen idealen Motivation, mit tollen Ideen, die sich täglich für das Gemeinwohl einsetzen. Die Entwicklung braucht nicht immer nur Geld. Das soziale und kulturelle „Kapital“ ist mindestens genauso wichtig. Und dieses Kapital braucht vor allem Freiräume und Begegnungsräume. Die Institutionen müssen nicht alles selber machen. Sie können die Menschen auch machen lassen, am besten unterstützen, ihnen mehr Vertrauen schenken. Wir brauchen public-citizen-partnerships neben public-private-partnerships.

Viele Probleme sind das Ergebnis falscher Rahmenbedingungen. Wie können wir die Rahmenbedingungen ändern? Dafür brauchen wir starke und bunte Bündnisse, auch in dieser Region.

Die Rhön, die Provence oder der Vorarlberg in Österreich gehören zu den Vorreitern einer nachhaltigen Transformation der Region. Das Obere Mittelrheintal kann von ihnen lernen und selbst zum Vorreiter werden.

 

© Davide Brocchi – Köln/Bad Ems, 09.03.2020. 

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